Around the World in 14 films Teil II

Die cineastische Weltreise in der Berliner Kulturbrauerei führte nach dem Auftakt zu folgenden spannenden Stationen:

The Student (Russland)

Marius von Mayenburg brachte im Februar 2012 an der Schaubühne am Lehniner Platz sein Stück „Märtyrer“ zur Uraufführung. Der Abend ist längst wieder vom Spielplan verschwunden und hat bei den meisten Kritikern Kopfschütteln hinterlassen, wie hier nachzulesen ist.

Er schickte damals eine englische Übersetzung an Kirill Serebrennikov nach Moskau, der 2001 mit „Plastilin“ auffiel und zu mehreren europäischen Theaterfestivals eingeladen wurde. 2012 gründete er das Gogol Center, ein „genreübergreifenden Theaterlabor“ (Staatsoper Stuttgart) und eine der wenigen verbliebenen alternativen Spielstätten, die Putins Autokratie zulässt. Filmpate Ulrich Matthes beschrieb das Gogol Center in seiner Moderation als eine Art Volksbühne und freute sich, dass Serebrennikov nach zwei Opern („Salome“ in Stuttgart und „Der Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper Berlin) in der kommenden Spielzeit auch am Deutschen Theater Berlin inszenieren wird.

Serebrennikov nahm einige kleinere Anpassungen vor und studierte das Stück mit seinem Moskauer Ensemble ein. Dort wurde es zu einem so großen Erfolg im Repertoire, dass auch genug Geld für eine Verfilmung zusammen kam. Dieser lief unter dem Titel „Uchenik/The Student“ im Mai 2016 in der Reihe „Un certain regard“ des Festivals in Cannes und war nach „Ismena/Untreue“ (2012 in Venedig) der zweite Auftritt des Multi-Talents auf einem der großen Kino-Festivals.

Der Film funktioniert erstaunlich gut und auf mehreren Ebenen: Zunächst als zeitlich und örtlich ungebundene Parabel auf eine Gesellschaft, die völlig überfordert ist, wie sie auf einen jungen Fanatiker reagieren soll. Benjamin (gespielt von Petr Skvortsov, der als einer der wenigen nicht auch schon im Theater-Ensemble dabei war) haut seiner alleinerziehenden Mutter und den Lehrern aus dem Zusammenhang gerissene Bibelverse um die Ohren.

Die Direktorin und das Kollegium knicken nach und nach ein: die Mädchen müssen im Schwimmunterricht Badeanzüge statt Bikini tragen, der Sexualkunde-Aufklärungsunterricht soll auch zurückgefahren werden und die Evolutionstheorie sei schließlich auch Ansichtssache.

Gegenspielerin des Schülers Benjamin ist vor allem die Biologie-Lehrerin (Victoria Isakova), die am Ende allein auf weiter Flur steht. Der Plot spitzt sich zu den Bombast-Rock-Klängen der slowenischen Band „Laibach“, die Milo Rau zuletzt für seine „Dark Ages“-Inszenierung nutzte, dramatisch zu.

„The Student“ lässt sich aber auch als pointierte Kritik an der aktuellen russischen Gesellschaft lesen: die sehr enge Verbindung zwischen orthodoxer Kirche und Staat, der Antisemitismus und die Homophobie werden in diesem Film sehr deutlich thematisiert. Diese Aspekte werden an mehreren Stellen sehr geschickt in den Plot eingewoben.

Ein Markenzeichen der Arbeiten von Marius von Mayenburg ist, dass er ernste Themen immer wieder durch komische Szenen auflockert. Dies verbindet ihn mit Serebrennikov, dem einer der sehenswertesten russischen Filme seit längerer Zeit gelingt.

Der Film wird unter dem Titel „Der die Zeichen liest“ am 19. Januar 2017 (Verleih Neue Visionen) in den deutschen Programmkinos starten.

Vorschaubild: Szene aus „The Student“ © Hype Film

„Tanna“ (Australien/Vanuatu)

Neben „Divines“ aus Frankreich ist „Tanna“ ein weiterer Geheim-Tipp des Kinojahres. Der Film lief parallel zum Festival von Venedig im September 2015 bei der  International Critics’ Week und wurde dort mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Australien schickt ihn außerdem ins Rennen um den nächsten Auslands-Oscar.

„Tanna“ beruht auf einer wahren Geschichte aus dem Jahr 1987 und wurde auf der gleichnamigen Südpazifik-Insel gedreht. Die beiden Regisseure Bentley Dean und Martin Butler, die sich bisher auf Dokumentarfilme konzentrierten, arbeiteten für ihren 104minütigen Spielfilm mit Laien-Darstellern aus den Stämmen der Südsee-Insel zusammen und arbeiteten mit einem Minimum an technischem Equipement und kleiner Crew.

Ihnen gelangen eindrucksvolle Bilder. Als gelernte Dokumentarfilmer setzen sie natürlich vor allem die Schönheit der Landschaft und die Bedrohlichkeit eines Vulkans atemberaubend in Szene. Aber auch die Geschichte von einer arrangierten Ehe, die Wawa mit einem Mann aus einem rivalisierenden Stamm eingehen soll, um ein Friedensbündnis zu schließen, ist überzeugend erzählt.

Sie hat sich in Dain verliebt und möchte nicht als Verschiebemasse in der Bündnis-Strategie der Stammes-Ältesten herhalten. Für sie und ihren Freund endet die Geschichte so tragisch wie Shakespeares „Romeo und Julia“, trotzdem ist ein Happy-end in Sicht: Ihr Schicksal bringt die Stämme dazu, die Tradition arrangierter Ehen aufzuweichen.

Ein Kinostart von „Tanna“ ist in Deutschland für März 2017 angekündigt, in der Schweiz läuft er bereits ab Dezember 2016

„Safari“ (Österreich)

Max Moor brachte es in seiner Einführung als Pate zu „Safari“ auf den Punkt, wie Seidls Filme funktionieren. In seiner launigen Art, die wir aus seinen sonntäglichen „titel thesen temperamente“-Moderationen kennen, kündigte er an: Nach einem Film von Ulrich Seidl fühlt man sich nicht unbedingt besser.  Aber man ist froh, dass man nicht so schlimm ist wie die Menschen, die Seidl porträtiert. Vor allem aber wundert man sich, wie der Regisseur es immer wieder schafft, dass seine Gesprächspartner so viel von sich preisgeben und sich um Kopf und Kragen reden.

Sein Dokumentarfilm „Safari“, in dem Großwildjäger von ihrem Hobby erzählen und vor ihren Jagdtrophäen posieren, ist zwar nicht sein stärkster Film und reicht nicht an seine „Paradies“-Trilogie heran. Aber auch diese Expedition nach Namibia trägt Seidls unverkennbare Handschrift: seinen scharfen Blick in menschliche Abgründe, seine streng komponierten Bilder.

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Der gelungene Trailer schafft es, einen sehr guten Eindruck zu vermitteln. In komprimierter Form ist darin bereits alles Wesentliche enthalten. Der Nachteil: Die 90 Minuten gehen kaum über das hinaus, was bereits im Appetizer zu sehen war.

Nach seiner Premiere außer Konkurrenz im Rahmen des Festivals von Venedig im September 2016 startet „Safari“ bereits unmittelbar nach dem „14 films“-Festival am 8. Dezember im Kino (Neue Visionen Verleih).

Bild: „Jagdtouristen“ © Ulrich Seidl Film Produktion

„Sieranevada“ (Rumänien)

Die „Neue Rumänische Welle“ sorgt seit gut einem Jahrzehnt auf den Festivals für Furore. Zu den Höhepunkten aus dieser Strömung des Weltkinos zählt „Jenseits der Hügel“ von Cristian Mungiu, der 2012 bei „Around the World in 14 films“ lief.

„Sieranevada“ von Cristi Puiu ist mit fast drei Stunden zwar ähnlich lang, erreicht aber nicht dessen Intensität. Da der Regisseur, der bereits bei der ersten „Around the world in 14 films“-Ausgabe im Jahr 2006 mit seiner schwarzen Komödie „The Death of Mr. Lazarescu“ vertreten war, die Großfamilie zum Begräbnis des Patriarchen auf engstem Raum versammelt, wäre der Boden für ein konflikt- und emotionsgeladenes Kammerspiel bereitet.

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Puiu lässt seine Figuren sehr, sehr viel reden, reißt vieles an (Aufarbeitung der Ceaucescu-Ära, Verschwörungstheorien aus dem Netz rund um 9/11, Ehekrisen nach Seitensprüngen und Affären, eine kroatische Junkie-Freundin, die sich im Nebenzimmer übergibt usw.), er schafft es aber nicht, seinen Stoff zu verdichten, so dass sein Publikum Überblick und Interesse an diesem Gefühlschaos zu verlieren droht.

„Sieranevada“ hatte seine Premiere im prestigeträchtigen Wettbwerb um die Goldene Palme in Cannes im Mai 2016. Ein deutsche Kinostart ist bisher nicht vorgesehen.

Bild: Ausschnitt aus „Sieranevada“ © 2016 Mandragora–Produkcija 2006 Sarajevo / Studioul de creatie cinematografica

Webseite des „Around the World in 14 films“-Festivals

 

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