Silence

Der neue Film von Martin Scorsese hat nichts von der satirischen Leichtigkeit seines „Wolf of Wall Street“ (Kritik). „Silence“ ist ein aufwühlendes Drama, das im Japan des 17. Jahrhunderts spielt.

Nach der Niederschlagung des Shimabara-Aufstands im Jahr 1637 wurden in Japan mehr als 40.000 Christen getötet. Eine Behörde, die ähnlich brutale Verhör- und Foltermethoden wie die katholische Inquisition einsetzte, spürte landesweit in den Dörfern kleine Zirkel von christlichen Gläubigen auf. Wer einen jesuitischen Missionar meldete, wurde mit einem stattlichen Kopfgeld belohnt.

Über dieses grausame Kapitel der Geschichte schrieb der japanische Autor Endō Shūsaku 1966 den Roman „Chinmoku“, der erstmals 1971 von Masahiro Shinoda verfilmt wurde. Martin Scorsese stieß bereits vor knapp dreißig Jahren auf den Stoff, als er an seinem umstrittenen Epos „Die letzte Versuchung Christi“ arbeitete.

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Das Thema ließ ihn nicht los: „Silence is just something that I’m drawn to in that way. It’s been an obsession, it has to be done.“ Erst 2009 wurden die Gespräche und Planungen konkreter. „Silence“ ist anzumerken, dass es ein sehr persönliches Werk des Regisseurs mit viel Herzblut ist.

Scorsese überrascht in diesem Film mit einer elegischen Erzählweise und langen Naturaufnahmen, wie man sie bisher eher von Terrence Malick kannte. Kameramann Rodrigo Prieto bekommt sehr viel Raum, die düsteren Nebelschwaden und die morastigen Sumpflandschaften von Kameramann einzufangen, in denen sich die beiden Jesuiten Sebastião Rodrigues (Andrew Garland) und Francisco Garpe (Adam Driver) wiederfinden. Sie machen sich auf die Suche nach ihrem Ordensbruder Cristóvão Ferreira (Liam Neeson), von dem es seit Jahren kein Lebenszeichen mehr gibt. Es kursieren Gerüchte, dass er sich unter Folter vom christlichen Glauben losgesagt haben soll.

In knapp drei Stunden entfaltet Scorsese ein aufwühlendes Drama. Der jovial grinsende Inquisitor Inoue (Issei Ogata) packt seine sadistischen Methoden bis zur detailliert beschriebenen Grubenfolter aus und verlangt von den Priestern und ihren Gläubigen, die christlichen Kreuzigungsbilder mit den Füßen zu treten. Diese sogenannten Tret-Bilder, auch Fumie genannt, sind historisch belegt und sind in die Weltliteratur eingegangen (Jonathan Swift erwähnt sie in „Gullivers Reisen“, Voltaire in „Candide“).

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In der zweiten Hälfte des Films wirken einige Christus-Erscheinungen etwas gewöhnungsbedürftig für das zeitgenössische, säkulare Kinopublikum. Rodrigues hört Gottes Stimme oder sieht ihn plötzlich als Spiegelbild auf der Wasseroberfläche eines Bachs. Diese sehr spirituellen Szenen polarisieren. In ihnen schimmert Scorseses Jugendwunsch, Priester zu werden, deutlich durch. Vor seiner Filmkamera verbrachte er einige Zeit in einem jesuitischen Priesterseminar in New York.

Dennoch hat „Silence“ auch für Atheisten oder Agnostiker einiges zu bieten. Regie-Altmeister Scorsese gelang eine beeindruckend gefilmte, packende Erzählung über religiösen Fanatismus und Intoleranz.

Beim Kinostart in den USA floppte „Silence“, in den deutschen Kinos startete er am 2. März 2017.

Webseite und Trailer

Bilder: © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

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One thought on “Silence

  1. “auch für Atheisten oder Agnostiker“ In diesem Film sind die Christen die Arroganten, Wahnsinnigen, Irrationalen. Lustig, dass das viele Kritiker nicht sehen. Schaut den Film ein zweites mal. Was die anstellen ist absolut wahnsinnig und menschenverachtend. Das Land war nach 400 Jahren Bürgerkrieg vom Shogunat unter Militärkontrolle. Missionare und Märtyrer zerstören Kultur und bringen letztendlich Kolonisation. Gut für Japan, dass zu stoppen, sonst wäre evtl nicht mehr viel übrig. Die meisten anderen asiatischen Länder wurden kolonisiert.

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