Tristesses

Anne-Cécile Vandalem erzählt mit ihrer Kompanie „Das Fräulein“ in „Tristesses“ von Martha Haigers Aufstieg. Die Chefin der fiktiven dänischen  „Partei des völkischen Erwachens“ wird zur Ministerpräsidentin gewählt.

Weder als Krimi mit einem Showdown von acht Toten noch als Parabel über die Manipulationen und Tricks der skrupellosen Politikerin noch als Porträt einer lethargischen, kraftlosen Gesellschaft kann dieser Abend wirklich überzeugen. Sehr entschleunigt schleppt sich der Abend dieses belgischen Gastspiels über etwas mehr als zwei Stunden dahin. Das Konzept, „stetig zwischen Kriminalhandlung und politischer Komödie“ zu wechseln, geht nicht auf.

Neben den scharfkantigen Gesichtszügen der Hauptdarstellerin (die Regisseurin in Personalunion), die mit einer Mischung aus Härte und Verachtung auf die Inselbewohner um sie herum herabblickt, bleibt von „Tristesses“ vor allem die elegisch-schöne musikalische Begleitung in Erinnerung, die eigens für dieses Stück komponiert wurde. Das Ensemble musiziert und singt auf hohem Niveau. Ein weiteres Leitmotiv des Abends sind die weißgeschminkten Zombies, die sich unter das dänische Bühnenvolk mischen und meist völlig unbemerkt von den Lebenden über die Bühne schlurfen.

In Castorf/Neumann-Manier spielt sich das Geschehen meist in einem der kleinen Häuschen ab, die auf die Bühne gestellt wurden, und wird von dort auf die große Leinwand projiziert. In Großaufnahme zoomt die Kamera heran, wenn wieder eine der Darstellerin in Verzweiflungstränen ausbricht.

„Tristesses“ war am 3. und 4. April 2017 beim FIND-Festival an der Berliner Schaubühne zu Gast.

Interview mit der Regisseurin über den Entstehungsprozess von „Tristesses“

Bild: Christophe Engels

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3 thoughts on “Tristesses

  1. Weshalb geht Ihrer Meinung nach das Konzept des Abends nicht auf? Ich war gestern eine der atemlosen Zuschauerinnen in der Schaubühne, die gefesselt, dem intensiven Schauspiel zwischen Bühne und Leinwand gefolgt ist und nicht nur die Musik, sondern auch die schauspielerische Leistung und den Spannungsbogen sehr überzeugend fand. Im Übrigen bleiben die Toten (Zombies) nicht von allen Darstellern unbemerkt…

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    1. Es freut mich, dass Ihnen das Gastspiel gefallen hat. Es gab ja auch positive Besprechungen zu „Tristesses“ wie von Gabi Hift auf nachtkritik.de.

      Ich fand jedoch, dass der Versuch, einen Krimi mit einer Polit-Parabel zu verknüpfen, nicht gelungen ist. Den mehr als zwei Stunden hätte eine stärkere Verdichtung gut getan. Ich fand außerdem, dass bei diesem Genre-Mix am Ende „weder Fisch noch Fleisch“ herauskam.

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  2. Neue Gattungen haben es schwer.
    Es ist eine Art „Schengen Stück“, wo die Grenzen zwischen Theater, Video, Oper, Musical, Satire und Spott aufgehoben sind.
    Ich fand’s toll.
    Ein Abend voll Eindrücke.
    Ich hatte grade genug Ohr und Augen, um alles mitzukriegen.
    Zwei Stunden Hirnvollbeschäftigung.
    Das „weder Fisch noch Fleisch“ störte mich nicht. Im Gegenteil.
    Es gab viele Gemüse drum herum zum Knabbern.
    Und ein hüppiges Buffet ist verdaulicher als fettes Eisbein mit Karpfen.

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