Gorilla bathes at noon

Die gallig-anarchische Satire „Gorilla bathes at noon“, ein Alterswerk von Dušan Makavejev, ist in der Berlinale Retrospektive zu erleben. Der Regisseur war einer der Köpfe der Jugoslawischen Schwarzen Welle, die Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre auf den Festivals für Furore sorgte: 1968 gewann er einen Silbernen Bären für „Unschuld ohne Schutz“, 1970 war er Mitglied der Jury, die nach der Aufregung um Michael Verhoevens „o.k.“ zurücktrat und keine Bären vergab, 1971 befasste er sich im Forum in „WR – Mysterien des Organismus“ mit dem Sexualpsychologen Wilhelm Reich.

Ein Markenzeichen seiner Arbeit ist, dass er auf stalinistische Propaganda-Filme direkt Bezug nimmt: in „Gorilla bathes at noon“ übernahm er mit Genehmigung ganze Sequenzen aus dem „Fall von Berlin“ (1949), einem in seinem Pathos aus heutiger Sicht unfreiwillig komischen Jubel-Film über den Vormarsch der Roten Armee gegen die Nazis und dem Hissen der Roten Fahne.

Fünf Jahrzehnte später verschläft Major Lazutkin (Svetozar Cvetković) den Mauerfall und den Abzug seiner Armee. In Uniform stolpert er durch das gerade vereinigte Berlin, isst seine erste Banane, trifft den sibirischen Tiger im Zoo und Drogen- und Menschenhändler im Untergrund. Im Traum erscheint ihm immer wieder Lenin, während die Doku-Szenen des Abrisses einer Lenin-Statue in Friedrichshain ebenfalls in den Stil-Mix hineinmontiert sind. In kurzen Schlenkern werden auch die ausländerfeindlichen Pogrome der frühen 1990er gestreift. 

„Gorilla bathes at noon“ ist ein spannendes Alterswerk, das aus kleinen Szenen ein schräges Mosaik über die Zeit nach dem Mauerfall entwirft.

Bild: Deutsche Kinemathek/von Vietinghoff Filmproduktion

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