Wie soll man in diesen Zeiten nicht verzweifeln? Mit einer Ode an den „Rollback“ starten die Herren vom Jahresendzeit-Team in ihrem Eröffnungssong. Politisch, gesellschaftlich, kulturell: vieles wird rückabgewickelt oder geht den Bach runter. Trüb sind die Zeiten nach 28 gemeinsamen Jahren. Da braucht es ein Energiebündel und einen Stimmungsaufheller: die Moderation des Kabarettistischen Jahresrückblicks gab die langjährige Gastgeberin Angela Merkel alias Christoph Jungmann in jüngere Hände. Als Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek rast Jungmann höchst agil durch die Anmoderationen. In einer tollen „Killing me softly“-Parodie erinnert sie sich schließlich daran, dass sie schon als Kind ermahnt wurde, langsamer zu sprechen, da sie sonst kaum zu verstehen ist.
Die Parodien prominenter Politikerinnen sind auch in dieser Ausgabe das Herzstück des Abends. Weitere große Auftritte neben Reichinnek haben Franziska Giffey (ebenfalls von Jungmann verkörpert), die der holprigen Olympia-Bewerbung neuen Drive geben soll, die sich der Senat in den Kopf gesetzt hat, oder Julia Klöckner (Hannes Heesch), die sich in der protokollarischen Wichtigkeit des zweithöchsten Amtes im Staat sonnt.
Wie gewohnt gibt es auch diesmal wieder die Intermezzi mit skurrilen Alltagsbeobachtungen, die entweder als Kurzgeschichten (Bov Bjerg und Horst Evers) oder am Klavier (Manfred Maurenbrecher) vorgetragen werden. Die beiden Letztgenannten verabschieden sich mit dieser Rückblicks-Ausgabe nach 28 langen, gemeinsamen Jahren. Zwei Kolleginnen sollen im nächsten Jahr zum Jahresendzeit-Team stoßen. Wir dürfen gespannt sein, welche neuen Akzente sie setzen werden.
Die bisherige Mixtur aus scharfzüngiger politischer Parodie und kauziger-stirnrunzelnder Gegenwarts-Diagnose voller Cover-Songs hat sich bewährt. Auch wenn die nächsten Vorstellungen im Ernst Reuter-Saal, einer der Interimsspielstätten der Komödie am Ku´damm, noch nicht ganz ausverkauft sind, lohnt sich der Weg durch Schnee und Eis nach Reinickendorf. Noch bis 11. Januar 2026 ist die aktuelle Rückblicksshow dort zu sehen.
Bild: David Baltzer