Nach allen Regeln der Kunst bespielt Chloé Zhao, eine in China geborene und seit ihrer Jugend in den USA lebende Regisseurin, die Gefühlsklaviatur. Ihr naturmystisches Trauer-Ritual-Biopic „Hamnet“ zielt auf die Tränendrüsen des Publikums und hat die Oscar-Trophäen fest im Blick.

Als „Trauerporno“ wurde der Film von einigen Kritiken geschmäht, zu kalkuliert wirken die emotionalen Effekte. Unbestreitbar haben aber vor allem zwei Szenen eine emotionale Wucht: ganz im Zentrum das Sterben der Titelfigur (Jacobi Jupe), des Sohns von William (Paul Mescal) und Agnes (Jessie Buckley). Seine Zwillingsschwester Judith ist von Fieber geschüttelt und Pestbeulen entstellt, ringt mit dem Tod. Er kuschelt sich an sie, lässt sich ganz bewusst infizieren und möchte nicht ohne sie weiterleben. Am Ende stirbt er an Stelle seiner Schwester, begleitet von einem gellenden Verzweiflungsschrei der Mutter.

Jacobi Jupe als „Hamnet“ 

Sie nimmt ihrem Mann William übel, dass er ständig abwesend ist und nur für das Globe Theatre lebt. Dort verarbeitet er den Tod seines Sohns im „Hamlet“, dem Shakespeare Klassiker, den fast jeder kennt. Dass dieses autobiographische Erlebnis des Dramatikers ein wesentlicher Antrieb bei der Entstehung der Tragödie über den Dänen-Prinzen sei, ist die These von Zhao und ihre Co-Drehbuchautorin Maggie O´Farrell, die gemeinsam die Roman-Vorlage „Judith und Hamnet“ (2020) von O´Farrell adaptierten. 

Wie Agnes zögernd in die Theaterwelt eintaucht und sich schließlich ganz von ihren Gefühlen überwältigen lässt, ist die zweite, lange Szene voller emotionaler Wucht und zugleich das Finale des Hollywood-Films. In einem Meer aus Händen und Tränen feiert Zhao die kathartische Wirkung des Theaters, die ihm schon Aristoteles zuschrieb, die sie im Alltag des Stadttheaterbetriebs aber natürlich nur selten erreicht.

Bis zu diesem Finale muss das Publikum viel Kitsch und Naturmystik durchstehen, die sich als Leitmotive seit der ersten Begegnung der Außenseiter Agnes und William durch die zwei Kinostunden ziehen. Sie wird als Tochter einer Waldhexe verspottet, lebt für ihre Falken und Kräuter, er wird von seinem Vater als blasser, erfolgloser Schreiberling gedemütigt, der sich als Lateinlehrer durchschlagen muss.

Igendwann zwischendrin gibt es zwischen all dem Kitsch und Schmerz aber auch die schönste und eine der ganz wenigen lustigen Szenen des Films: Unter der Regie von William spielen die drei Kinder der lachenden Mutter die Eröffnungsszene der drei Hexen aus „Macbeth“ vor. Auch wenn es im Hause Shakespeare nicht so gewesen sein wird, ist es doch gut erfunden.

„Hamnet“ hatte am 29. August 2025 beim Telluride Festival Premiere und gewann kurz danach in Toronto, London sowie Valladolid den Publikumspreis. Anfang Januar war das Biopic für sechs Golden Globes nominiert, gewann jedoch nur die Trophäe für das beste Drama. In die Oscar-Verleihung im März 2026 geht „Hamnet“ als einer der Favoriten mit 8 Nominierungen, hoch gewettet ist vor allem Jessie Buckley als beste Darstellerin.

Am 22. Januar 2026 brachte Universal den „Hamnet“ in die deutschen Kinos.

Bilder: © 2025 FOCUS FEATURES LLC.

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