Ausgerechnet ein Texaner ist der aktuelle Liebling der französischen Filmwelt. Vier Césars räumte „Nouvelle Vague“ von Richard Linklater Anfang März ab: neben der Trophäe für die beste Regie wurden auch die Kostüme, die Kamera und der Schnitt prämiert. Und das aus gutem Grund: denn „Nouvelle Vague“ streichelt die traditionsbewussten, stolzen Seelen der Grande Nation mit einer Hommage an einen bahnbrechenden Film und den ungewöhnlichen Künstler, der ihn gegen viele Widerstände vorantrieb.
Der Noir „À bout de souffle“ (deutscher Titel: „Außer Atem“) stammt zwar aus dem Jahr 1960, genau in dem Jahr ist übrigens auch Linklater geboren, der Klassiker wirkt aber auch Jahrzehnte später nicht angestaubt. Die schnellen Schnitte und die Chemie zwischen dem Hauptdarsteller*innen-Duo Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg machen den Film auch sechseinhalb Jahrzehnte später sehenswert.
Auch die Hommage „Nouvelle Vague“, die Linklater im Mai 2025 im Wettbewerb von Cannes vorstellte, vermeidet jede Patina, ist vielmehr eine augenzwinkernde Making-of-Phantasie, wie es wohl damals am Set des improvisierenden, mansplainenden, Sonnenbrille-tragenden Cahiers du Cinema-Filmkritikers Godard bei seinem Regie-Debüt gewesen sein mag. Ebenso wie das Original ist auch die Hommage in Schwarz-Weiß gefilmt. Zoey Deutch als Jean Seberg, Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard und Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo sehen den historischen Vorbildern ebenso erstaunlich ähnlich wie die Nebendarsteller, die als Claude Chabrol, Francois Truffaut oder Roberto Rossellini durch den Film paradieren. Jeder von ihnen wird durch ein kleines Insert hervorgehoben.
Das macht „Nouvelle Vague“ zu einer netten kleinen Zeitreise in eine extrem verqualmte Zeit des Aufbruchs des französischen Autorenkinos. Etwas zu betulich kommt die Geschichtsstunde manchmal daher, aber als erste Annäherung an eine prägende Phase der Filmgeschichte ist diese Produktion auch einem nicht so cinephilen Mainstream-Publikum zu empfehlen. „Nouvelle Vague“ ist jedenfalls ästhetisch und inhaltlich wesentlich spannender als die Jazz-Hommage „Blue Moon“, die Linklater drei Monate zuvor auf der Berlinale 2025 vorstellte.
Bei der Premiere in Cannes ging „Nouvelle Vague“ leer aus. Kurz danach lief er im vergangenen Jahr auf diversen Festivals, z.B. im Cinemasters-Programm des Filmfests München, in London und Zürich sowie im Dezember 2025 als Abschlussfilm des „Around the World in 14 Films“-Festivals in der Berliner Kulturbrauerei. In Hollywood blieb es bei einer Golden Globe-Nominierung im Januar 2026, in Frankreich reüssierte „Nouvelle Vague“ dagegen umso mehr, neben den vier Césars und vier weiteren Nominierungen gewann Linklater auch den Prix Lumières für den besten Film des Jahres.
Plaion Pictures bringt „Nouvelle Vague“ am 12. März 2026 in die deutschen Kinos.
Bild: Jean Louis Fernandez