89/90

Peter Richter hatte schon einen bunten, kurvenreichen Lebenslauf hinter sich, als er sich 2015 auch als Romanautor versuchte: Magisterarbeit über spanische Barockmalerei in Madrid, Promotion über „Plattenbau als Krisengebiet“, Side-Kick von Harald Schmidt in seiner Late Night-Show, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York, um nur einige markante Stationen zu nennen.

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In seinem autobiographischen Roman „89/90“ nimmt er die Leser mit auf eine Zeitreise ins Wendejahr. Wie hat ein 16jähriger Dresdner das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die Proteste zum 40. Republik-Geburtstag, den Mauerfall, die ersten Shoppingtouren mit Begrüßungsgeld nach West-Berlin, Helmut Kohls Rede vor der Ruine der Frauenkirche und die deutsche Einheit erlebt?

Die Inszenierung der Schweizer Regisseurin Christina Rast und ihres jungen Ensembles ist so anekdotisch wie der Roman und hält sich eng an die Vorlage. Die großen politischen Umwälzungen beschäftigen die Hauptfigur ebenso wie die üblichen Pubertätsprobleme: Warum interessiert sich seine Angebetete, die überzeugte Jung-Kommunistin L., mehr für den Transvestiten T. als für ihn? Wer ist der Coolste im Freibad? Was ist in seinem Umfeld angesagter: Punk oder Skinhead?

Wie „Teichelmauke“ treffend schrieb, bekommt das Publikum bei der Uraufführung im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels in der Neustadt eine „Wende-Revue“ inklusive lokaler Live-Punk-Band geboten: hübsch gemacht und sehr unterhaltsam an einem heißen Sommer-Premieren-Abend.

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In der ersten Hälfte gibt es einige packende Szenen: „Wir“ gegen „Die“ – Aufbruchstimmung der friedlichen Revolution und mutiges Aufbegehren gegen die Staatsmacht. Der kürzere, zweite Teil ist elliptischer. Er schildert die Zersplitterung des Protests: die meisten wollen möglichst schnell den Anschluss an die Bundesrepublik. Eine Minderheit träumt davon, einen demokratischen Sozialismus zu entwickeln. Aber auch das glatzköpfige Trommeln für ein großdeutsches Reich in den Grenzen von 1937 wird lauter.

Der Abend endet mit der Orientierungslosigkeit der Jugendlichen: Antifa und Neonazis prügeln sich. Der Rest feiert zu Stroboskop-Blitzen in den Techno-Kellern. So ähnlich haben dies auch Clemens Meyer in seinem Roman „Als wir träumten“ und Andreas Dresen in seiner Verfilmung (Berlinale-Wettbewerb 2015) aus der Leipziger Perspektive geschildert.

„89/90“ wurde am 27. August 2016 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden uraufgeführt. Besetzung und Termine

Bilder: David Baltzer

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