Eine Menge mutet der portugiesische Regisseur Pedro Pinho seinem Publikum zu: dreieinhalb Stunden dauert sein neues Werk „O riso e a faca/I only rest in the storm“. Aber nicht nur die pure Länge, sondern auch der Stil sind herausfordernd. Pinho verzichtet auf einen roten Handlungsfaden und überhaupt auf jegliche Dramaturgie. 

„I only rest in the storm“ reiht Eindrücke und Beobachtungen aneinander. Es ist spürbar, dass Pinho ursprünglich vom Dokumentarfilm kommt und von einem klaren politischen Standpunkt aus filmt. Die Szenen sind jedoch immer deutlich als fiktional markiert und folgen der Hauptfigur Sérgio (Sérgio Coragem) bei seinen Erlebnissen in Guineau-Bissau, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie in Westafrika. Er arbeitet als Ingenieur für eine NGO und damit ist ein wesentlicher Aspekt dieses filmischen Puzzles benannt. „I only rest in the storm“ kehrt in seinem mäandernd-kreisenden Stil immer wieder zu Streitgesprächen der Figuren über koloniale Schuld, andauernde postkoloniale Abhängigkeit, Machtgefälle, Korruption und Entwicklungsperspektiven zurück.

Diese zentralen Fragen werden aber nie im Bildungsfernsehen-Frontalunterricht abgehandelt, sondern sind eingebettet in viele kurze Szenen, die mal hierhin, mal dorthin schweifen und zahlreiche, oft gegensätzliche Eindrücke aus dem afrikanischen Land aneinanderreihen. Das zweite große Thema dieses filmischen Puzzles ist queeres Begehren. Hauptfigur Sérgio ist bi, sowohl Cleo (Cleo Diára), die mit blonder Perücke auf einem Markt dem wie so oft verdutzt dreinschauenden Sérgio ihre Diebesbeute in die Hand drückt, als auch der stets Frauenkleider tragende Guilherme (Jonathan Guilherme) möchten ihn ins Bett bekommen, schließen sogar eine Wette ab, wem das schneller gelingt.

Bei der Premiere in der Cannes-Sektion Un certain regard wurde Cleo Diára als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Es folgten Einladungen zu weiteren nationalen (Filmfest München CineRebels-Sektion, Filmfest Mannheim-Heidelberg) und internationalen (Athen, Bangkok, Busan, Melbourne, New York, Valladolid, Wroclaw/New Horizons) Festivals.

An diesem Eröffnungswochenende lief er bei Around the World in 14 films auf der großen Leinwand in der Berliner Kulturbrauerei. Es ist offenkundig, warum Festival-Co-Direktor Bernhard Karl an diesem Film nicht vorbeikam: selten gelingt es, dass ein überlanger Film eine starke eigene Handschrift hat und doch zugänglich bleibt und einen besonderen Sog entwickelt, von dem die Filmpatin, die „Im toten Winkel“-Regisseurin Ayse Polat, zurecht schwärmte. Er verliert sich nicht in bloßem L´art pour l´art, sondern erörtert wichtige politische und gesellschaftliche Fragen und schafft es auch, neue Einblicke auf einen fremden Kontinent liefert, wie es ein wesentliches Anliegen dieser cineastischen Weltreise ist.

Pinho war schon vor 8 Jahren mit seinem Debüt beim 14films-Festival eingeladen: „A Fábrica de nada“ lief 2017 im Off-Programm von Cannes und anschließend in Berlin. GrandFilm brachte ihn damals in die Kinos und hat sich auch die Rechte an „I only rest in the storm“ gesichert, aber noch keinen Starttermin bekanntgeben.

Bild: Grand Film

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