Der umstrittenste Film des vergangenen Jahres ist Kaouther Ben Hanias Hilfeschrei „Die Stimme von Hind Rajab“. Die Premiere in Venedig wurde mit rekordverdächtig langen Standing Ovations gefeiert, neben dem Großen Preis der Wettbewerbs-Jury gewann dieser Mix aus Dokumaterial und Fiktion noch acht weitere unabhängige Preise, darunter z.B. von UNICEF und dem Roten Kreuz. 

Die Gegner werfen dem Film vor, dass er das authentische Tonband-Material des fünfjährigen Mädchens, das als letzte Überlebende in einem Flucht-Auto aus Gaza-Stadt saß und beim Palästinensischen Roten Halbmond um Hilfe fleht, für politischen Aktivismus ausgebeutet wird. Die Regisseurin und ihr bei einer Preview im Filmtheater am Friedrichshain anwesender Kameramann Juan Sarmiento G. fokussieren in Close-Ups auf die Verzweiflung der Helfer. Palästinensischer Schauspieler*innen übernehmen die Rollen der Freiwilligen und des Einsatzleiters, die im Januar 2024 diesen Anruf in ihrer Hotline annahmen.

Mit allen Mitteln des Overactings führen die Schauspieler*innen schreiend und mit Tränen, die über die Wangen fließen, die Hilflosigkeit der Helfer vor. Der Einsatzleiter wird bedrängt, doch endlich ein Rettungsteam loszuschicken. Nur 8 Minuten sei das nächstgelegene Team vom Standort des Mädchens, erfahren wir. Doch vor einer Tafel mit all den kürzlich im Einsatz und Kugelhagel verstorbenen Kollegen rechtfertigt er sich: ohne Absprachen mit dem Roten Kreuz und Autorisierung durch die israelische Armee wäre jede Rettungsaktion zu riskant. Zu groß sei die Gefahr, dass der Versuch, das Leben des Mädchens zu retten, scheitert und nur weitere Leben kostet.

Binnen eines Jahres drehte die tunesische Regisseurin Ben Hania diesen Film und ließ dafür ein anderes geplantes Projekt zunächst liegen. Dass ihr dieser Hilfs-Appell für die Opfer des Gaza-Kriegs ein Herzensanliegen ist, ist in diesen 89 Minuten deutlich zu spüren. Doch die filmische Umsetzung ist tatsächlich fragwürdig: die O-Töne von Hind Rajab sind so stark, dass sie die zum Teil sehr Telenovela-artige Rahmung gar nicht gebraucht hätten.

„Die Stimme von Hind Rajab“ eilte weiter von Festival zu Festival, lief z.B. in Busan, Chicago (Silberner Hugo), Gent (bester Film), London, San Sebastian (Publikumspreis), Toronto, Wien und Zürich. Die tunesisch-französische Koproduktion wurde von Tunesien (wie auch schon die beiden vorangegangen Filme von Ben Hania) für die Oscar-Verleihung des besten fremdsprachigen Films nominiert. Sie konkurrierte zuvor auch schon im Januar um den Europäischen Filmpreis in zwei Kategorien (Bester Film, bester Ton), konnte jedoch keine Trophäe gewinnen. 

Am 22. Januar 2026 wird Studiocanal „Die Stimme von Hind Rajab“ in die deutschen Kinos bringen.

Bild: © MIME FILMS – TANIT FILMS / Studiocanal GmbH

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