Antigone

Lange hat der Niederländer Johan Simons nicht mehr in Berlin inszeniert. Die Archive verzeichnen zuletzt im Jahr 2004 eine Adaption des Dostojewski-Romans „Der Spieler“ unter dem Titel „Der Zocker“ an Frank Castorfs Volksbühne.

Dennoch sind er und seine Ästhetik in Berlin beiliebe keine Unbekannten. Regelmäßig gastierten Inszenierungen, die er als regieführender Intendant der Münchner Kammerspiele und aktuell am Schauspielhaus Bochum oder als Gastregisseur am Hamburger Thalia-Theater realisierte, in der 10er Auswahl des Theatertreffens.

Oliver Reese lockte ihn zum Jahresauftakt ans Berliner Ensemble, wo seit Saisonstart mit Jens Harzer einer der Lieblings-Spieler von Simons verpflichtet ist. Wie von diesem Regisseur gewohnt erleben wir wieder eine Klassiker-Bearbeitung, die auf fast leerer Bühne von Johannes Schütz der Sprache nachspürt und mit kammerspielartig reduziertem Personal aufwartet.

Auf drei Spieler*innen hat Simons die „Antigone“ aufgeteilt und die Rollen wieder einmal cross-gender besetzt. Die Titelrolle übernimmt der bereits erwähnte Harzer, den Gegenspieler Kreon mimt Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer übernimmt weitere Rollen wie Ismene und Teiresias. 

In einer unwirtlich-gähnenden Leere finden sich die drei wieder, auf konzentrischen Kreisen hat Schütz einige Hinterlassenschaften der verfluchten Atriden-Dynastie angeordnet. Dazwischen tobt das Trio anfangs wie Kinder, sie spielen fangen, Beckers Kreon zieht sich eine Pappkrone über. Im Programmheft-Interview erklärt Simons dazu, dass er den „Antigone“-Stoff als das Drama traumatisierter Kinder liest.

Anders als bei seinem Bochumer „Macbeth“, seiner jüngsten Theatertreffen-Einladung von 2024, tauscht das Trio die Rollen nicht durch und springt nicht abrupt zwischen den Szenen. Die konzentrierten zwei Stunden folgen weitgehend der antiken Tragödie von Sophokles, allerdings in der schwer zugänglichen Übersetzung von Friedrich Hölderlin, in die man sich einhören muss.

Freundlicher Applaus bekam diese Kunstanstrengung. Doch die Wucht dieser Tragödie wurde in der BE-Version von Simons kaum spürbar. Das Verschneiden des existentiellen Kampfs der Antigone mit einem Kinderspiel erwies sich als Konzept als nicht tragfähig genug.

„Antigone“ hatte am 15. Januar 2026 im Großen Haus des Berliner Ensembles Premiere.

Bild: Jörg Brüggemann

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