Wer nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht. Abwesenheitserfahrungen

Ähnliche lange Titel kennen wir nur von René Polleschs Volksbühnen-Zeiten und die erste Hälfte dieser Freie Szene-Produktion folgt spürbar den Fußstapfen des verstorbenen Intendanten und Autors. Hauke Heumann und Valentin Richter wechseln sich in Monologen ab, die den unverwechselbaren Pollesch-Sound imitieren. Lange Kaskaden über die enttäuschten Gefühle im Neoliberalismus und Turbo-Kapitalismus, aber nicht von den Stars am Rosa Luxemburg-Platz, somdern knapp 2 km entfernt im dritten Stock auf der kleinen, proppenvollen Off-Spielstätte, die unter dem Namen Theaterdiscounter bekannt wurde und nun als TD Berlin firmiert.

Als Emma Rönnebeck, Mitglied des Volksbühnen-Ensembles während Klaus Dörrs Interims-Intendanz, hinzu kommt, ändert sich die Klangfarbe. Ping-Pong mit dadaistischen Wortspielereien setzen ein, mehrere Klassiker wie Tschechows „Möwe“ oder „Drei Schwestern“ und Schillers „Maria Stuart“ werden angespielt: Meta-Comedy für die Theater- und Kulturbetriebsszene.

In einem kurzen, noch im Herbst gedrehten Videoeinspieler geben sich die Promis verschiedener Kunstrichtungen die Klinke in die Hand: Rainald Grebe gibt den Staffelstab an Meike Droste, weiter geht es mit Julius Feldmeier und schließlich Anne Ratte-Polle, die das in diesem Clip leitmotivische „Schade“ am spöttischsten und melancholischsten sagt.

Nach knapp 90 Minuten läuft der Abend, der so vieles antippte, mit einer eindrucksvollen Bühnenzauber-Show noch zu großer Form auf. Was die Gewerke auch eines kleinen Hauses so alles können, demonstriert diese Schluss-Sequenz, in der Musik, Lichteffekte und Nebelmaschine effektsicher harmonieren.

„Wer nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht. Abwesenheitserfahrungen“ von Malte Schlösser & Team hatte am 20. Januar 2026 im TD Berlin Premiere. Alle Vorstellungen bis kommenden Sonntag sind ausverkauft, vielleicht hat man auf der Warteliste Glück.

Bilder: Alexander Huber

2 thoughts on “Wer nicht gegen sich selbst denkt, denkt überhaupt nicht. Abwesenheitserfahrungen

  1. Sebastian Reply

    Wie wäre es, nicht immer Pollesch zu zitieren, nur weil man im kapitalismuskritschen Diskurstheater sitzt?
    Das wird weder Künstler:innen wie Malte Schlösser gerecht noch Rene Pollesch.

    Pollesch hat doch auch nicht diese Trennungen der Mittel vorgenommen.

    Ich verfolge Malte Schlössers Arbeiten seit 2016 und finde die eigenständige Weiterentwicklung von Form und Inhalt viel interessanter und klüger zu formulieren, zB von Georg Kasch in der Berliner Morgenpost:

    https://www.morgenpost.de/kultur/article410996069/ein-ghost-hawaii-geht-um-in-europa-abwesenheitserfahrungen.html

    1. Konrad Kögler Reply

      Die Anklänge an Pollesch sind so offenkundig, dass ich es wichtig fand, damit einzusteigen. Gerade um auch einem Publikum eine Orientierung zu geben, das mit der Vielfalt der Freien Szene nicht so vertraut ist.

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