Irgendetwas ist passiert

Ohne den engen Freund und künstlerischen Weggefährten René Pollesch muss und will Fabian Hinrichs weitermachen. Als Co-Autorin und Co-Regisseurin firmiert nun erstmals Anne Hinrichs, seine Frau, die in einem theaterfernen Job in Potsdam arbeitet. Sie ist nicht mit auf der Bühne, wie zuletzt in „ja nichts ist ok“ spielt Hinrichs alle Figuren selbst. Erst zum Schlussapplaus steigt sie zu ihm auf die Bühne, klammert und schmiegt sich an ihn.

Die knapp 90 Minuten beginnen als Beziehungs-Tragikomödie. Claudia und Paul sind ein Paar, das sich nur noch anschreit, über einen Scherbenhaufen hinweg. Statt gemeinsamer Zärtlichkeit gucken sie Pornos. Als Dauerrauschen sind auch die Nachrichten von Krieg und Gewalt in ihrer brüchigen Beziehung präsent. Ganz reale Ausschnitte aus dem heute-journal des ZDF werden in das Theater-Solo hineinmontiert. Die oberflächliche Glamour-Welt von Luxusmarken wie Dior und Armani lockt als eskapistischer Gegenpol.

Wieder geht es Hinrichs um das Gefühl der Überforderung. Vor allem als Fortsetzung von „Geht es dir gut?“ kann diese neue Volksbühnen-Produktion gelesen werden. Eingekrümmt und eingemümmelt lamentiert Hinrichs in seinem unverkennbaren Leier-Ton über das Ende der Wohlfühlblase in den westlichen Gesellschaften. Mit dem sprichwörtlichen Holzhammer arbeitet „Irgendetwas ist passiert“: zunächst tritt Hinrichs selbst als schwarzes Gespenst auf und beschwört raunend den Epochenbruch, in den eine auf ihre privaten Alltagssorgen fokussierte Gesellschaft hineintaumle. Nach Bildern von Ruinen kommt zum Schluss auch noch ein Statist in Kampfmontur auf die Bühne.

Wie schön war es dagegen 2011? In einer gemütlichen Biedermeier-Welt machte es sich das frisch verliebte Paar Claudia und Paul in der Altbau-Wohnung nett, die Gefahren und Krisen wirkten ganz weit weg. Natürlich gab es auch damals genug Ereignisse, die wachen Zeitgenossen Sorgenfalten machten. Den GAU von Fukushima erwähnt das Theaterstück selbst. Aber das sei in Japan gewesen, also ganz weit weg von Paul und Claudia. Aber es gab noch so viel mehr negative Schlagzeilen: ein hilfloser Rettungsversuch in der Euro-Schuldenkrise, die weite Teile der griechischen Bevölkerung in wirtschaftliche Not stürzten, jagte den nächsten, der Rechtsterrorist Anders Breivik mordete in einem Jugendzeltlager in Norwegen und in Deutschland wurde die Mordserie des NSU enttarnt.

Doch von all diesen Dingen wollten Claudia und Paul nichts wissen, die Decke bis über die Ohren gezogen, aneinander gekuschelt. Umso hysterischer und um so weniger resilient reagieren sie nun auf die aktuelle Welt-Unordnung.

„Irgendetwas ist passiert“ wurde am 30. Januar 2026 in der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz uraufgeführt.

Bild: Apollonia Theresia Bitzan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert