Geht es dir gut?

Die FDP hat die Pandemie für beendet erklärt, SPD und Grüne haben kapituliert und die Inzidenz galoppiert munter auf neue Rekordstände, die zu massenhaften Vorstellungs-Absagen und Premierenverschiebungen führen.

Fabian Hinrichs und René Pollesch lassen sich davon nicht beirren, sie ziehen einfach ihr Ding durch, endlich mal eine Premiere, die wie geplant stattfindet! Die erste halbe Stunde von „Geht es dir gut?“ ist aber dann doch irritierend. Hinrichs witzelt sich durch eine kabarettistische Revue zu Corona, philosophiert über Masken, die asymmetrische Gesichter verbergen, und baut auch ein paar Schlenker zu Putins Überfall auf die Ukraine ein. Selbstgefällig surft der Abend über die Themen, der Star-Performer und Co-Regisseur wird von zwei Chören begleitet, den Afrikan Voices und den Bulgarian Voices Berlin, die ganz zum Schluss auch folkloristische Zugaben geben dürfen.

Nach dem etwas zähen Kabarett-Intro gehört die leere, gewaltige Volksbühne dem Star allein: Hinrichs tigert wie gewohnt über das vertraute Gelände. Genauso vertraut ist sein sehnsuchtsvoll-melancholischer Sprechgesang. Statt der ironischen Diskursschleifen, die Pollesch-Abende mit seinen anderen Stammkräften prägen, herrscht hier ein ganz anderer, ernsterer, konzentrierterer Ton, wie immer wenn Hinrichs als Co-Autor und Performer mitwirkt. Die überbetonten Silben wirken allerdings diesmal manierierter, als ich sie in Erinnerung hatte. Eine große Suada über Einsamkeit, Müdigkeit und Verlassenwerden zelebriert Hinrichs, bei der sich schnell das Gefühl einstellt, dass man sie schon mehrfach von ihm erlebt hat. Bei allem Pathos und aller Kunstfertigkeit wirkt dieses lange Solo doch zu routiniert. Irritierend ist, dass Hinrichs seine Figur wie bereits bei der Friedrichstadt Palast-Revue von 2019 wieder mit Suizidgedanken kokettieren lässt.

Als eine Rakete in Katrin Bracks Bühnen-Nebel landet und die beiden Chöre brav einsteigen, dreht Hinrichs mit einem Taxi noch ein paar Ehrenrunden und verpasst den Abflug. Allein bleibt er zurück in seiner viel beschworenen Tristesse. Den Mantel aus dem ersten Teil hat er gegen einen schicken weißen Anzug eingetauscht, auf dem „Disappointed“ prangt.

Flying Steps Academy

Enttäuscht könnte man sich nun fragen, ob es das schon war oder doch noch was kommt, da kommen die Jungs von der Kreuzberger Flying Steps Academy um die Ecke, entern die Bühne und zeigen ein paar Breakdance-Moves. Dramaturgisch ist dies nicht weiter eingebunden, wirkt auf den ersten Blick wie ein kleines, nostalgisches Zitat an den „Kill your Darlings“-Klassiker von Pollesch/Hinrichs, der 2012 zum Theatertreffen eingeladen war und jahrelang ein Renner im Repertoire war.

Aber dieser Adrenalin-Stoß der Kreuzberger Breakdancer wird vom Premieren-Publikum begeistert mit Szenenapplaus gefeiert. Die Sprechtheaterblase sehnt sich angesichts von Abenden, die sich viel zu oft nur um sich selbst drehen und von Theaterwissenschaftlern für Theaterwissenschaftler gemacht scheinen, offensichtlich nach einem kräftigen Windstoß, etwas Street Credibility und ein paar neuen Anregungen jenseits eingefahrener Routinen.

So endet diese vierte Pollesch-Premiere nach Wiedereröffnung des Hauses doch noch versöhnlich.

Bilder: Thomas Aurin

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