Neun Jahre liegt seine letzte Premiere an der Schaubühne zurück, fast vier Jahre sind seit seiner letzten Premiere am Berliner Ensemble vergangen. Mit „Salome“ meldet sich Michael Thalheimer zurück, als wäre er nie weg gewesen. Ein wuchtiger Abend voller dezibelstarkem Dröhnen, voller Verzweiflungs- und Schmerzensschreie, mit sehr viel Kunstblut. Diese „Salome“ an der Schaubühne ist nicht einfach nur ein Thalheimer-Abend, sondern fast schon eine Karikatur seiner röhrend-brachialen Theatermittel.
Als Vorlage nahm er sich eine legendären Inszenierung, von dem wir Spätergeborenen nur aus Erzählungen gehört haben. Im 1998er Ausnahme-Jahrgang des Theatertreffens war Einar Schleef mit zwei Arbeiten vertreten: der Wiener Burgtheater-Uraufführung von Elfriede Jelineks „Sportstück“ und seiner Düsseldorfer Bearbeitung der „Salome“ von Oscar Wilde. Minutenlang passierte dort gar nichts, wurden die Sehgewohnheiten des Publikums irritiert.
Ganz anders bei Thalheimer: gemessenen Schrittes kommt Alina Stiegler aus der Finsternis ins Halbdunkel. Von nun an brettert der Abend zu Bert Wredes Musik und ekastatisch-schmerzhaften Verrenkungen von David Ruland (als Naaman) und Veronika Bachfischer (als Narraboth) mit vollem Karacho los.
Den stärksten Effekt erzielt der Abend mit dem röhrend-bellenden Auftritt des Johannes (Christoph Gawenda), aus der Tiefe einer Kloake schleudert er seine prophetischen Mahnungen nach oben, später baumelt er lange unter der Decke des Saals.
Stiller wird der Abend erst zum Ende. Salomes Schleiertanz wird zu Cello-Klängen von Yuebo Sun nur angedeutet, das Abschlagen des Kopfs des Propheten, den sich Salome wünscht, wird gar nicht mehr gezeigt, sondern nur im Schluss-Monolog referiert. Zu dem Zeitpunkt ist die Bühne von Nehle Balkhausen aber schon von Kunstblut überströmt und Herodes (Tilman Strauß, auch er ein Schaubühnen-Rückkehrer) wimmert in seinen Latex-Klamotten am Boden, während seine Stieftochter Salome und seine neue Frau Herodias (Jule Böwe) erbarmungslos auf ihn einkeifen.
„Salome“ hatte am 6. Februar 2026 in Saal A der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere.
Bilder: Katrin Ribbe