Das erste Halbjahr 1990 zwischen Mauerfall und Währungsunion verfolgten vier Regisseurinnen aus Ost und West. Bewusst disparat ist das Kollektiv, zu dem sich Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert zusammengeschlossen haben. Im Stil des „Direct Cinema“ sammelten sie einen bunten Strauß an Eindrücken, interviewten Grenzpolizisten und die Mitarbeiter von Reichsbahn und Intershop, begleiteten den Abbau der Kontroll-Anlagen.
Im Februar 1991 hatte „Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990“ in der Nische des Forums der Berlinale seine Premiere, kurz danach lief die Doku auch nach Mitternacht auf dem Sendeplatz der koproduzierenden „Das kleine Fernsehspiel“-Redaktion des ZDF.
Vor allem die erste Hälfte wirkt wie ein kleinteiliges, beliebiges Sammelsurium aus Beobachtungen. Interessanter werden die Interviews im letzten Drittel. Seinen Wert gewinnt dieses Mosaik, das von der Deutschen Kinemathek 2022 restauriert wurde, vor allem mit dem zeitlichen Abstand. 35 Jahre nach der Premiere sind diese oft beiläufigen Alltagsbeobachtungen, die bunt zusammengewürfelt sind, ein spannender Einblick in die damalige Umbruch-Zeit, die vor allem die Sorgen und Ängste derer spiegelt, die vom Status quo in der DDR profitierten.
Am 16. Februar 2026 wurde „Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990“ in der Retrospektive „Lost in the 90´s“ gezeigt. Als Vorfilm gab es eine weitere spannende Entdeckung: mit Rap unterlegt schneidet Gabor Steisinger Aufnahmen der maroden Bausubstanz in Ost-Berlin gegen grelle Graffiti und Animations-Sequenzen. Dieser sehr rhythmische Kurzfilm fängt die Umbruchsstimmung seines Entstehungsjahres 1991 hervorragend ein.
Ärgerlich war nur, dass Deutsche Kinemathek und Berlinale bei der Vorstellung nicht darauf achteten, dass mindestens eine Person schamlos mitfilmte und Urheberrechte verletzte, bis ein Zuschauer eingriff.
Bild: @ Deutsche Kinemathek/Lilly Grote