Der Hauptmann von Köpenick

Sebastian Hartmann eilt ein Ruf als Publikumsschreck. Sehr lange Abende, die um verlorene Albtraum-Gestalten kreisen und häufig sehr lose auf Motiven aus dicken Romanen von Fjodor Dostojewski oder Michel Houellebecq basieren, verlangen den Zuschauern einiges ab. Zuletzt flohen Zuschauerinnen scharenweise aus dem mehr als fünfstündigen Potsdamer „Serotonin“-Exerzitium.

Von einer ganz anderen Seite konnte man den ehemaligen Hausregisseur der Volksbühne und ehemaligen Intendanten des Leipziger Centraltheaters zur Eröffnung von Hasko Weber Interims-Intendanz am Staatstheater Cottbus im Spätsommer erleben. Er nahm sich einen bekannten Komödienstoff und gab dem Affen richtig Zucker, sogar eine Überdosis.

Hartmann wäre nicht Hartmann, wenn er Carl Zuckmayers Komödie über Wilhelm Voigt, der den Militarismus des Kaiserreichs bloßlegte, einfach nachspielen würde. Er versucht sich an der Dekonstruktion, doch leider bleibt es beim Versuch.

Gemeinsam mit seinen acht Spieler*innen stürzt er sich auf Slapstick und Klamauk. Das Portal der Cottbuser Bühne wird im Saal 1:1 als Guckkasten-Bühne nachgebaut und an diesem Abend für ein Kasperletheater mit Pappköpfen genutzt. Es werden ausgiebig Dialekte imitiert, wie zuletzt auch in Parizeks Burgtheater-Produktion „Die letzten Tage der Menschheit“ und einige im Publikum klatschen sich auch auf die Schenkel.

Doch konzeptionell bleibt dieser Abend dünn. Gerade als es interessant zu werden beginnt und sich aus dem Modus von Probebühnen-Späßen lösen könnte, endet der „Hauptmann von Köpenick“ nach 100 Minuten unvermittelt. Kurz blitzt auf, was aus dem Abend werden könnte, als drei Ensemble-Mitglieder unter ihren überdimensionalen Pappmaché-Köpfen eine Szene aus dem Talk-TV der 1990er nachspielten. Thomas Gottschalk hatte Publikumsliebling Heinz Rühmann, der den „Hauptmann“ in der berühmtesten, BRD-typisch biederen Verfilmung von 1956 mimte, und SZ-Kritikerlegende Joachim Kaiser geladen. Sehr entlarvend, wie Kaiser den Vorzeige-Schauspieler der Nazi-Film-Produktion als „zivilen Deutschen“ abfeierte und gegen jede Empirie weißwusch. Hier hätte wie gesagt eine spannende Auseinandersetzung mit dem Stück und seiner Rezeption beginnen können, doch das Ensemble stimmt stattdessen schon den Schluss-Song an.

„Der Hauptmann von Köpenick“ hatte am 20. September 2025 am Staatstheater Cottbus Premiere. Überraschend wurde die Inszenierung in die 10er Auswahl des Berliner Theatertreffens eingeladen und ist dort am 16./17. Mai 2026 im Haus der Berliner Festspiele. Für das Cottbuser Theater ist es die erste Einladung, Hartmann feiert in diesem Jahr eine brandenburgische Doppel-Einladung und ist zum mittlerweile 6. Mal dabei: in der Jury hat er eingeschworene Fans.

Bilder: Bernd Schönberger

 

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