Wie eine Installation wirkt das Setting dieses langen Nachmittags in der Potsdamer Reithalle. Ganz in weiß gekleidet sitzt Guido Lambrecht in einer kleinen, ebenfalls ganz in weiß gestalten Box auf seiner Bank. In den kommenden fünf Stunden 10 Minuten wird er sich nur wenig bewegen, ab und zu mal nach vorne Richtung Publikum gehen.
Reden wird er jedoch um so mehr. Sebastian Hartmann hat eine Fassung von Michel Houllebecqs Roman „Serotonin“ eingerichtet. Um den französischen Schriftsteller und Provokateur ist es in den vergangenen Jahren etwas stiller geworden. Aber in diesem 2019 erschienenen Roman lief er noch mal zu gewohnter Form auf. Eine lange Liste von Triggerwarnungen ist dieser Inszenierung auf der Website vorangestellt. Der Monolog strotzt vor toxischer Männlicheit, ist misogyn, rassistisch, queerfeindlich und einiges mehr.
Das langsame Verdämmern eines alternden weißen Mannes erzählen Regisseur Hartmann und Solist Lambrecht. Beachtlich ist der Kraftakt des Schauspielers, der gewaltige Textmassen auswendig lernte und bis auf einen ca. 15minütigen Einspieler vom Band nach genau vier Stunden kaum eine Verschnaufpause bekommt.
Diese Verschnaufpausen bekommt er immer dann, wenn wieder einer oder ganze Grüppchen zum Ausgang gehen: entweder um die Vorstellung ganz zu verlassen oder sich eine Auszeit an der Bar zu gönnen. Das Problem dieses Settings: der sehr lange Nachmittag ist von fast ständiger Unruhe geprägt. Theoretisch könnte man den langen Monolog auch vor einem Bildschirm draußen an der Bar weiter verfolgen. Aber nur theoretisch, dann praktisch versiegt der Redestrom der Seniorinnen, die sich am liebsten direkt vor dem Bildschirm postieren, dort genauso wenig wie Lambrechts Monolog.
Junges bis mittelaltes Publikum hat sich an diesem Karfreitag Nachmittag zur Passionsstunde kaum in die Potsdamer Reithalle verirrt. Das ist durchaus folgerichtig: die hier verhandelte Gedankenwelt stammt von einer älteren Generation, die langsam abtritt.
Einige Sprechpausen sind jedoch nicht durch das Abwandern des munteren Publikums verursacht, sondern bewusste Pausen, die markieren, dass hier in den Houellebecq-Text autobiographische/autofiktionale Passagen von Lambrecht eingeflochten sind. Wie Hartmann ist er in der DDR aufgewachsen, 1987 lernten sie sich bei der NVA in Mecklenburg kennen, ist im Digitalen Programmheft zu lesen. Die Freie Szene machten sie als „Wehrtheater Hartmann“ unsicher, arbeiteten bei Armin Petras in Nordhausen und Frank Castorf mit Sophie Rois an der Volksbühne, vor allem aber in der legendären, bis heute polarisierenden gemeinsamen Zeit am Leipziger Centraltheater.
Assoziativ ausufernd, voller Traum- und Nebelbilder, sind Hartmanns von Improvisation geprägte Romanadaptionen normalerweise. Ganz anders der minimalistische, an Totalverweigerung grenzende Stil dieser Publikum und Performer arg strapazierenden Installation.
„Serotonin“ ist eine von gleich zwei Inszenierungen, mit der Hartmann in die 10er Auswahl des Theatertreffens 2026 eingeladen ist. Ist dieses „Serotonin“ wirklich bemerkenswert? Ungewöhnlich ist der Nachmittag bestimmt und auch ganz anders als Falk Richters Hamburger Bildergewitter-Inszenierung von 2019. Er krankt aber daran, dass das Setting nicht funktioniert. Das monotone, regungslose Lamento des verdämmernden Performers und das Kommen und Gehen der Rentnerinnen und Rentner ergeben eine toxische Mischung, die den Passions-Nachmittag zur Qual macht und das Konzept scheitern lässt.
„Serotonin“ hatte am 13. Dezember 2025 in der Reithalle des Hans Otto Theaters Potsdam Premiere. Der Abend reist im Mai 2026 nicht nach Berlin, alle fünf Festival-Vorstellungen des Theatertreffens finden auf der Originalspielstätte statt, die mit S-Bahn und Tram gut zu erreichen ist, sofern nicht die jedem BVG-Nutzer bekannten Polizeieinsätze oder Verspätungen dazwischen kommen.
Bild: Thomas M. Jauk