Was für ein toller Stoff! Aus der Perspektive eines fiktiven Kreml-Beraters Wadim Baranow, der deutlich an den real existierenden Wladislaw Surkow erinnert, möchten Regisseur Olivier Assayas und sein Drehbuchautor Emmanuel Carrère vom Machtapparat Wladimir Putins erzählen.
Von der anarchischen Umbruchzeit der frühen 1990er Jahre über den sichtlich alkoholkranken Boris Jelzin, der vom TV-Magnaten Boris Beresowski wie eine Marionette gelenkt wurde, bis hin zum Aufstieg von Putin zur Jahrtausendwende reicht die lange erste Hälfte. Sträflich unterschätzt haben Baranow (Paul Dano als anpassungswilliger Schlaffi mit Milchgesicht) und Beresowski (Will Keen) die Durchsetzungsstärke des FSB-Chefs Putin (Jude Law mit Poker-Face).
Vieles tippt die zweite Hälfte an: die Anschläge in Moskau 1999, die Putin nutzte, um sich als „starker Mann“ zu inszenieren, das Kursk-Unglück im Sommer 2000, die Orangene Revolution auf dem Majdan, die berüchtigten Troll-Fabriken in St. Petersburg, die Olympia-Eröffnungsshow in Sotschi im Februar 2014 und die kurz danach in der Ost-Ukraine und auf der Krim aufgetauchten Söldner- und Provokateurs-Truppen.
Die Schwäche des Films: In einem überlangen Panorama werden Episoden aneinandergereiht. Statt Zusammenhänge zu verdeutlichen und zu verdichten, werden die Bilder durch die Dialoge auf der Tonspur nur verdoppelt. Auffällig ist insbesondere, dass der Film dem Narrativ Putins von einem Russland folgt, das vom aggressiven Westen eingekreist werde.
Statt eines packenden Polit-Thrillers erleben wir nur eine biedere Roman-Nacherzählung. Brav werden die Kapitel des Bestsellers „Der Magier im Kreml“ von Giulio da Empoli (Politik-Professor an der Sciences Po und zuvor Berater der italienischen Regierung) abgehandelt. 2022 erschien das Buch in Frankreich, ein Jahr später die deutsche Übersetzung.
Sichtlich fremdelt Assayas mit diesem Projekt, das er auf Englisch mit den genannten Hollywood-Stars drehte. Sein Metier sind essayistische französische Autoren-Filme wie die Lockdown-Reflexion „Hors du temps“ (Berlinale 2024).
Schon nach der Premiere im Venedig-Wettbewerb am 31. August 2025 waren die Kritiken verhalten, der Film ging damals leer aus. Nach weiteren Festival-Einladungen (z.B. San Sebastian, Toronto, Zürich) startete „Der Magier im Kreml“ am 9. April 2026 in den deutschen Kinos.
Bild: Carole Bethuel