„Das weite Land“ am Deutschen Theater: Schnitzlers Liebesdrama auf einem Sofa-Berg zu melancholischer Musik

Arthur Schnitzlers Das weite Land hätte der Historiker Eric Hobsbawm gut als Beleg für seine These anführen können, dass das 20. Jahrhundert nur sehr kurz gewesen sei und von 1917 bis 1989 gedauert habe. Die Figuren dieses Dramas, das Schnitzler 1907/08 geschrieben hat und das unter großem Beifall 1911 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, sind noch sehr im 19. Jahrhundert verwurzelt. In ihren Handlungen und Moralvorstellungen scheinen sie wesentlich weiter von unserer Gegenwart entfernt zu sein als die Protagonisten in den Dramen Ödön von Horváths oder in Die kleinen Füchse von Lillian Hellman, die einige Jahre später geschrieben wurden. Exemplarisch zeigt sich das an dem Duell am Ende des Stücks, bei dem der Fähnrich Otto (Ole Lagerpusch) vom betrogenen Ehemann (Felix Goeser) getötet wird. In den aufgeschnappten Gesprächsfetzen auf dem Weg durchs Foyer wurde mehrfach dieses „sinnlose Töten“, das anachronistisch wirkt, thematisiert.

Dementsprechend war es die größte Herausforderung für die Regisseurin Jette Steckel, ihre Dramaturgie und das hochkarätige Ensemble, wie man diesen selten gespielten Stoff in die Gegenwart holen kann. Ulrich Matthes (Dr. Franz Mauer) sagte in einem Tagesspiegel-Interview kurz vor der Premiere: „und wir reden uns die Köpfe heiß, wie man diese Probleme sich verfehlender, verletzender, demütigender, liebender Menschen von vor 100 Jahren für heute relevant bekommt.“ Der sezierende Blick des ehemaligen Klinikarztes Schnitzler und die kluge Komposition seiner Dialoge, die meist durch eine dazutretende, störende dritte Person abgewürgt werden, sorgen für einen sich reibungslos entwickelnden Plot. Dennoch bleibt die Distanz des Publikums zu den Konflikten und Moralvorstellungen der Akteure spürbar.

Daran können auch die hervorragenden schauspielerischen Leistungen – vor allem von Maren Eggert als Genia Hofreiter – und die sehr gut ausgewählte melancholische Musik wenig ändern. Der Abend bleibt eine museal anmutende Leistungsschau exzellenter Könner für ein Publikum, in dem grauhaariges Bildungsbürgertum dominiert, der aber wenig mit der Gegenwart vor der Tür des Theaters zu tun hat.

Das weite Land von Arthur Schnitzler. – Regie: Jette Steckel. – Premiere am Deutschen Theater Berlin: 12. Dezember 2014

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