Tod eines Handlungsreisenden

Schweigen. Die Trauergemeinde hat sich stumm um einen Tisch versammelt. Langsam tastet sich die Witwe (gespielt von der vor allem aus  Marthaler-Abenden bekannten Olivia Grigolli) an die ersten Worte heran: Willy Loman ist tot. Der Handlungsreisende hat bereits Suizid begangen.

Regisseur Bastian Kraft zäumt das Pferd von hinten auf: das „Requiem“, das bei Arthur Millers modernem Klassiker aus dem Jahr 1949 den Epilog bildet, hat er seiner Inszenierung auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters Berlin vorangestellt.

Nacheinander verlassen alle aus der Trauerrunde die Bühne, nur der Sohn Happy (Camill Jammal) bleibt allein zurück und träumt weiter den „American Dream“: Er redet sich unverdrossen ein, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann.

Erst nach dieser Szene betritt die Titelfigur, der Handlungsreisende Willy Loman (Ulrich Matthes), die riesige, bis auf einen Tisch und zwei Stühle leergeräumte Bühne. Langsam taucht er aus dem hintersten Winkel auf und  kämpft sich ins Zentrum. Sein übergroßer Schatten, den er auf die weiße Wand wirft, droht ihn schier zu erdrücken.

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Dies ist die zentrale ästhetische Idee von Bastian Krafts Regie-Arbeit: Die Schauspieler agieren in einer trostlosen Leere. Vor ihren übergroßen Schattenbildern (Videokünstler Stefan Bischoff, Bühnenbildner Ben Baur und Lichtdesignerin Cornelia Gloth) wirken sie einsam und verloren. Auch wenn sie aneinandergeraten, halten sie großen Abstand. Körperliche Nähe gibt es kaum, eine halbherzige Umarmung ist schon das höchste der Gefühle, das sich diese Figuren gegenseitig schenken. Selbst wenn sie sich anschreien, bleiben sie körperlich auf Distanz.

Diese Lesart von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ wird in den knapp 90 Minuten sehr stringent durchgehalten. Bei dieser Interpretation kommt aber ein wesentlicher Aspekt des Textes zu kurz: Bei Bastian Kraft sind die Figuren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie schleppen sich als Gedemütigte durch ihr Leben. Wie vom großen, vor wenigen Monaten verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman im Programmheft beschrieben, leiden sie unter einem „Anschlag auf ihre Würde“. In einer individualistischen Gesellschaft, die Eigeninitative, Wettbewerb und Leistungsbereitschaft predigen, sind sie unter die Räder gekommen. Ihnen fehlt die Kraft zur Rebellion und erst recht wissen sie nicht, gegen wen oder was sie sich auflehnen könnten.

Arthur Millers Pulitzerpreis-gekrönter Text, der bei seiner Broadway-Uraufführung den Nerv einer von der „Großen Depression“ der 1930er Jahre tief verunsicherten und vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Nation traf, ist ambivalenter. Wer das Drama liest, kann die Energie deutlicher spüren, die die Lomans aus ihren Lebenslügen ziehen. Wie Insekten, die unter einem Glas gefangen sind, nehmen sie immer wieder Anlauf, nach oben zu krabbeln. Ihre Hoffnungen und ihre Illusionen kommen bei Bastian Kraft, der das tödliche Ende vorweg nimmt, zu kurz.

Der Preis seiner Regie-Entscheidung ist, dass der Abend von einer deutlichen Entschleunigung geprägt ist. Die Verlorenheit der einsamen Würmchen und ihre verlässlich im Stillstand endenden Kommunikationsversuche prägen diese statische Inszenierung. Manche Besucher fühlten sich davon so sehr ermattet, dass deutliche Schnarchtöne in Reihe 12 zu hören waren.

Positiv hervorzuheben ist, dass Bastian Kraft, sein Dramaturg Ulrich Beck und das Ensemble die Übersetzung von Volker Schlöndorff und Florian Hopf aus dem Jahr 1986 behutsam aktualisierten. Formulierungen, die zu sehr nach Fünfziger Jahre-Biedermeier und unfreiwillig komisch klingen, wurden behutsam gestrichen. Konsequenterweise hätte man auch auf die Qualmszene von Happy (Camill Jammal) und Jenny (die von ihren UdK-Kommilitionen euphorisch bejubelte Ruby Commey bei einem Kurzauftritt) in einer Bar verzichten können. Der Nikotin-Gestank, der sich von der Bühne im ganzen Saal ausbreitet, wirkt genauso aus der Zeit gefallen und störend.

Dankenswerterweise geistert Donald Trump nur durch den Programmheft-Beitrag des Erfurter Professors Jürgen Martschukat geistert. Ein toupierter Schaumschläger, wie er vor kurzem in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ am Gorki Theater (Kritik) die Bühne enterte, wäre in dieser auf behutsame Werktreue bedachten Arbeit auch sehr fehl am Platz gewesen.

„Der Tod eines Handlungsreisenden“ hatte am 17. März 2017 am Deutschen Theater Berlin Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bilder: Arno Declair

 

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