Kruso

Hiddensee in den späten 1980ern Jahren: knapp dreihundert Kilometer von den Konferenzen des vergreisten Politbüros entfernt haben sich einige Bohemiens um die Hauptfiguren Ed und Kruso kleine Freiräume mitten im erstarrten, langsam seinem Ende entgegen dämmernden real-existierenden Sozialismus erobert. Davon erzählt Lutz Seiler in seinem Roman „Kruso“, der im Oktober 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Armin Petras trifft in seiner Leipziger Inszenierung den zarten, lyrischen Ton der Vorlage erstaunlich gut. Anders als bei seiner ärgerlichen Adaption von Frank Witzels „Die Erfindung der RAF durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, die in Nebelschwaden zu Punk-Musik ertrank, gelingt es ihm, eine stimmungsvolle Atmosphäre für die Aussteiger-Nische an der Ostsee zu erschaffen.

Dabei half Petras vor allem das Bühnenbild von Olaf Altmann, dem mit seinem Wald aus Perlonschnüren, durch den sich die Spielerinnen und Spieler bei jeder Bewegung kämpfen müssen, ein großer Wurf. Ein weiteres großes Plus dieses Abends ist die Spielfreude des Nachwuchses von der HMT Felix Mendelssohn Bartholdy, die den Chor der Schiffbrüchigen sehr präzise sprechen und mit Denis Kuhnert eine körperbetonte Choreographie einstudierten, wie wir sie aus seiner Zusammenarbeit mit Falk Richter in „Fear“ und „Safe Places“ kennen.

Schauspiel Leipzig
KRUSO
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Leitung
    Regie: Armin Petras
    Bühne: Olaf Altmann
    Kostüme: Patricia Talacko
    Live-Musik: Johannes Cotta
    Ch

Nach der Pause verliert der Abend seine Linie, er schwankt zu sehr zwischen Tanzperformance und Sprechtheater hin und her. Einen peinlichen Tiefpunkt erreicht er in der klamaukigen, bei jeder Vorstellung improvisierten Szene, in der Anja Schneider (Kruso) und Florian Steffens (Ed) als Ketchup- und Senf-Tube auf die Bühne kommen und über die schöne, neue Warenwelt witzeln, die nach dem Mauerfall auch in ihr Refugium schwappte. Das trübt den guten Eindruck der ersten Hälfte beträchtlich.

„Kruso“ hatte am 1. Oktober 2016 am Schauspiel Leipzig Premiere und war am 21. Juni 2017 bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin zu Gast.

Bilder: Rolf Arnold

 

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