Roma Armee

Zum Saisonauftakt entert die „Roma Armee“ die Bühne des Gorki Theaters. Angeführt wird die Truppe von den beiden Schwestern Sandra und Simonida Selimović. Wie wir aus dem Programmheft erfahren, sind beide seit Jahren als Rapperinnen, Schauspielerinnen und Aktivistinnen für die Rechte der Roma-Minderheit in der Wiener Kulturszene präsent. Sandra ist als selbstbewusst-lesbisches Covergirl schon auf dem Plakat auf dem Gorki-Vorplatz mit androgynem Sexappeal präsent, Simonida beherrscht mit längeren Monologen das Finale des zweistündigen Abends.

Sie hatten die Idee, gemeinsam mit Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen ein Stück zu entwickeln, das in schillernden, glitzernden Kostümen sehr revueartig beginnt. Nach und nach tritt die bunt zusammengewürfelte Truppe des Abends mit Pailetten, Rüschen, Hotpants und Fummeln auf die Bühne: neben den beiden Selimović-Schwestern weitere Roma-Künstler aus verschiedenen europäischen Staaten (von Rumänien über Schweden bis Großbritannien) und die beiden Gorki-Ensemble-Mitglieder Mehmet Ateşçi, der als türkischer Junge in Kreuzberg 36 aufgewachsen ist, und Orit Nahmias, die wie Regisseurin Ronen aus Israel kommt.

Nach dem schwungvoll-ironischen Intro mit einer Zarah Leander-Parodie ihres schwedischen Landsmanns Lindy Larsson hat der Abend damit zu kämpfen, seinen Rhythmus zu finden. Die „Roma Armee“ hat zwar energiegeladene Songs, mitreißende Beats und rappend herausgebrüllte Wut über Diskriminierung und Geschichtsklitterung zu bieten. Ein starkes, berührendes Statement ist das Solo der Britin Riah May Knight, die als Kind miterlebte, wie sich in ihrem Dorf ein Mob gegen durchreisende Roma bildete. Vor allem in der ersten Hälfte hängt das Stück aber oft zu sehr durch. Vieles wirkt noch unfertig, wie eine ungefilterte Stoffsammlung auf der Probebühne. Hier hätte Yael Ronen die Dialoge stärker verdichten und das Ausfransen in allgemeine, manchmal recht banale Plaudereien über Mobbing und Missachtung verhindern müssen.

Wie fast immer bei Ronen nimmt sich der Abend auch wieder selbst auf die Schippe. Nahmias und Ateşçi kommen in einem zu sehr in Slapstick abdriftenden Dialog auf die Bühne, beschweren sich, dass sie kaum zu Wort kamen und wollen eine „Carmen“-Szene voller Klischees über „heißblütige Zigeuner“ spielen, die ihnen von ihren Kollegen gestrichen wurde.

Ein großes Plus des Abends sind die Malereien, Artworks und Kostüme, die von Maria Abreu und dem Ehepaar Damian und Delaine Le Bas stammen. Letztere konzipierten vor zehn Jahren den ersten Roma Pavillon auf der Biennale in Venedig und gaben dem Abend eine hervorragende Ästhetik.

Neben den zu großen Schwankungen im Rhythmus ist vor allem der zu pathetische Schluss ein Makel des Abends. In allzu getragenen Sonntagsreden wird das hohe Lied auf die Versöhnung gesungen, manche Zwischentöne klingen geradezu kitschig.

Festzuhalten bleibt: „Roma Armee“ ist ein interessanter Abend, der einer ansonsten wenig sicht- und hörbaren Minderheit eine Stimme gibt und somit perfekt zur Programmatik des Gorki Theaters passt. Trotz eindrucksvoller Momente und mitreißender Szenen ist dieser Saisonauftakt aber doch nicht gelungen.

Bild: Esra Rotthoff

 

 

 

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