Mitten wir im Leben sind

Anne Teresa De Keersmaekers Choreographie „Mitten wir im Leben sind/Bach6Cellosuiten“ polarisiert: Während der knapp zwei Stunden verließen einige Zuschauer vorzeitig den Saal. Selten wird eine Vorstellung aber auch so mit stehenden Ovationen bejubelt wie die Berlin-Premiere dieses Stücks im HAU 1.

Woran liegt das? De Keersmaeker, um die Volksbühne und HAU konkurrieren, hat ihren Stil in den vergangenen drei Jahrzehnten perfektioniert. Gravitätisches Schreiten zu getragenen Klängen, aufrecht, wortlos. Diese Handschrift strahlt natürlich klassische Eleganz aus. Der Cellist Jean-Guihen Queyras spielt Bachs Suiten makellos, die fünf Tänzerinnen und Tänzer (darunter auch De Keersmaeker selbst) folgen seinem Rhythmus. In ihrer Strenge wirkt die Choreographie aber sehr hermetisch und abweisend.

„Wie unter einer Glasglocke“ empfand Wiebke Hüster die Uraufführung des Werks bei der Ruhrtriennale im August 2017 in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck. Diesen Eindruck hatte ich heute Abend auch im HAU. Das Problem des Werks brachte die Kritikerin im Deutschlandfunk treffend auf den Punkt: Die Inszenierung „bekommt etwas Falsches, Prätentiöses. Manierismus war schon in vielen Arbeiten de Keersmaekers ein Problem. Ihre tänzerische Einfachheit und Strenge bekommt dann etwas Sektiererisches und Pathetisches. Der Tanz lebt und atmet nicht mehr.“

Bild: Peter Hundert

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