Atlas

Der in die Jahre gekommene Möbelpacker Walter (Rainer Bock) ächzt schwer. Gemeinsam mit seinen Kollegen wird er losgeschickt, um Mieter zu schikanieren, zu mobben und schließlich aus ihren Wohnungen zu vertreiben. In seinem Debütfilm „Atlas“ wirft David Nawrath einen scharfen Blick auf die Entmietungswellen in deutschen, von der Gentrifizierung betroffenen Innenstädten. Im Hintergrund zieht ein arabischer Clan die Strippen, das schmutzige Tages-Geschäft erledigt die Möbelpacker-Firma von Roland Grone (Uwe Preuss) mit Unterstützung des Gerichtsvollziehers (Thorsten Merten).

Walter drücken aber nicht nur die Last der Möbel und die wachsenden Skrupel an seiner Arbeit, ihm macht auch eine Wunde aus seiner Vergangenheit zu schaffen. In einer etwas konstruierten Drehbuchwendung trifft Walter bei einem Auftrag auf seinen Sohn Jan, den er zuletzt als Vierjährigen gesehen hat. Mit der Hilfe seines Anwalts stemmt sich Jan dagegen, sich mit Frau und Sohn aus der Altbau-Wohnung vertreiben zu lassen. Albrecht Schuch, der von „Bad Banks“ bis „Systemsprenger“ zuletzt oft überzeugen konnte, ist auch in „Atlas“ ein starker Nebendarsteller, der Jan mit der nötigen Mischung aus Hartnäckigkeit und Herzlichkeit verkörpert.

Die zweite zentrale Nebenfigur, die plötzlich in Walters Leben tritt und ihn aus dem Gleichgewicht bringt, ist Moussa, ein Sohn des Afsari-Clans, der bei den Möbelpackern selbst anpacken soll. Moussa wird klischeehaft als sadistischer Schlägertyp gezeichnet, der bei jeder Kleinigkeit ausrastet und mit seinen Fäusten auch unter den Kollegen eine Blutspur hinterlässt. Roman Kanonik spielt Moussa mit der Wucht, die wir auch von seinen Auftritten am Schauspiel Leipzig kennen.

Den Film trägt aber vor allem ein Schauspieler, dessen Gesicht man aus unzähligen Produktionen kennt. Rainer Bock ist einer der Unscheinbaren der Branche, der in zahlreichen Nebenrollen präsent ist, oft einen  verklemmte, intellektuelle Charaktere spielt. Mit 64 hat er seine erste Kino-Hauptrolle, ganz gegen den Typ besetzt. Nach dem Drehbuch sollte Möbelpacker Walter ein massiger Typ sein, vom Format eines Sepp Bierbichler oder der Statur eines Türstehers. Aber auch mit dem feingliedrigeren Rainer Bock, über den in den vergangenen Tagen (u.a. von Peter Kümmel in der ZEIT) zahlreiche Porträts erschienen sind, funktioniert David Nawraths Debütfilm „Atlas“.

Der Film ächzt zwar etwas unter dem mit zu vielen Konstruktionen arbeitenden Drehbuch, überzeugt aber mit seinen starken Schauspielern und dem Gespür für brisante, aktuelle Themen.

Nach der Premiere bei den Hofer Filmtagen startete „Atlas“ am 25. April 2019 in den Kinos.

Bilder: © 235 Film, Tobias von dem Borne

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