Im Dickicht der Städte

Seinem Frühwerk „Im Dickicht der Städte“, das Bertolt Brecht Anfang der 1920er Jahre schrieb, hat der Dramatiker seinen Nachruhm sicher nicht zu verdanken. In einer Räuberpistole, die er im Großstadtmoloch Chicago ansiedelte, ließ Brecht den Holzhändler Shlink (Klaus Zwick) und den Buchhändler Garga (Henry Morales) aufeinander treffen. Wie zwei Boxer umtänzeln sie sich, malträtieren sich mit linken und rechten Haken, kommen einfach nicht voneinander los. „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes…“ schrieb Brecht selbst im Vorwort der zweiten Fassung des Stücks aus dem Jahr 1927. Zu krude und kolportagehaft wirkt die Handlung.

Dennoch haben sich Jan Friedrich und das Theater Oberhausen an das Stück gewagt und einen Theaterfilm produziert. In großen Lettern prangt das Schlagwort „Entdramatisierung“ über dem Bühnenbild: Hinter Masken verschanzen sich die Figuren, die Spielweise ist sehr entschleunigt. Diesen Stoff, den man kaum ernst nehmen kann, nehmen natürlich auch die Spieler*innen und die künstlerische Leitung nicht ernst und sorgen beim Publikum für die gewünschte Irritation.

Warum wurde das alte Brecht-Stück dann überhaupt auf den Spielplan gesetzt? Das wird nach etwa einer halben Stunde klar: Das Ensemble wendet sich direkt ans Publikum vor dem heimischen Rechner und beklagt sich über den Exotismus in dem alten Text. Julienne de Muirier hat die kurzen Zwischenrufe verfasst, bei denen die Spieler*innen aus ihren Rollen heraustreten und den berühmten Autor, eine Ikone vieler Linker, mit blinden Flecken, mit dem Rassismus und seinem sehr problematischen Frauenbild konfrontieren.

Mehr als zwei Stunden schleppt sich der krude, wenngleich stark gekürzte Plot zu langatmig dahin. Interessant wird der Abend immer dann, wenn er wieder auf die Meta-Ebene wechselt, und dem Brecht-Frühwerk auf den Zahn fühlt. „Eine offene Probe“ lautet der Untertitel dieser Produktion des Theaters Oberhausen, in der das Team dokumentiert, wie sie mit dem berühmten Autor ringen und sich an diesem Stück abarbeiten.

Bild: Isabel Machado Rios

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