Der Sandmann

Einsam sitzt der Computer-Nerd Nathanael (Péter Polgár) vor seinem Rechner, starrt auf die Zahlenkolonnen und steigert sich immer tiefer in Wahn- und Albtraum-Phantasien hinein. E.T.A. Hoffmanns schwarzromantisches Schauermärchen „Der Sandmann“ hat Alexander Nerlich in seiner Bearbeitung für das Stadttheater Ingolstadt in die Gegenwart verlegt, behält aber die wesentlichen Motive und Handlungsstränge der Erzählung bei.

Clara (Theresa Weihmayr), mit der er nur per Videochat Kontakt hält, versucht ihn zu beruhigen, aber Nathanel bekommt Schweißausbrüche und Panikattacken, sobald er an Coppelius denkt, der ihn in seiner Kindheit traumatisiert hat. Als „ES“ in einem an Hulk erinnernden Kostüm geistert Jan Gebauer durch den viel zu kleinen Raum, in dem Nathanel vor sich hin vegetiert.

Regisseur Nerlich hat für seine Hoffmann-Bearbeitung auf das Online-Format gesetzt, gegen das manche Lockdown-geplagte Menschen nach langen Monaten im Homeoffice fast so starke Aversionen entwickelt haben wie Nathanael gegen seine Nemesis Coppelius: In vier Zoom-Kästchen verfolgt das Publikum am heimischen Rechner das aus vier Perspektiven von Esteban Nuñez und Tobias Lange gefilmte Geschehen.

Péter Polgár als Nathanel

Die Studie vom psychischen Zusammenbruch eines Vereinsamten und Traumatisierten dauert bereits mehr als eine Stunde, als die Inszenierung den entscheidenden Kniff bereithält. Warum der Regisseur und sein Team das Medium Zoom wählten, wird nun klar: der Administrator schaltet die Lautsprecher des Publikums frei. Auf den nach seiner unglücklichen Erfahrung mit der Künstlichen Intelligenz Olympia (Theresa Weihmayr) ohnehin schon demoralisierten Nathanel prasseln nun hämische Kommentare und flüsternde Stimmen der Zuschauer*innen ein, die als Stimmen im Kopf des Verzweifelten direkt ins Geschehen eingreifen, ihn noch weiter in die Enge und den Suizid treiben.

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten und nach erzwungenem Re-Start der Premieren-Vorstellung nach zehn Minuten ist „Der Sandmann“ ein gutes Beispiel dafür, dass die deutschen Stadt- und Staatstheater nach einem Jahr Pandemie den digitalen Raum routinierter und experimentierfreudiger bespielen als bei den ersten Gehversuchen. Vor allem bei den Szenen mit „ES“ und „Olympia“ setzen Nerlich und sein Team zahlreiche technische Gimmicks und spielerische Effekte ein, die zu den im Stück verhandelten Themen passen.

Bilder: Theater Ingolstadt

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