Eine Minute der Menschheit

Die Körperkomik ist ein Markenzeichen von Anita Vulesicas Regie-Arbeiten. Gemeinsam mit Mirjam Klebel (zuständig für Choreographie und Körperarbeit) lässt sie ihr siebenköpfiges Ensemble auch in „Eine Minute der Menschheit“ wieder zahlreiche komödiantische Verrenkungen und nervöse Zuckungen ausführen. Wir haben es mit einer Gruppe von Nerds und Besserwissern zu tun, die sich auf dem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ darin übertrumpfen, mehr oder weniger kluge Dinge über ein Buch zu sagen, das es gar nicht gibt: „Eine Minute der Menschheit“ lautete der Titel eines Essays von Stanislaw Lem, einem der bedeutendsten Science Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts, aus dem Jahr 1983. Er machte sich einen Spaß daraus, ein Buch mit dem genannten Titel zu rezensieren, das eine reine Erfindung blieb.

Neu an Vulesicas erster Regiearbeit auf der großen Bühne des DT ist, dass sie ihre unverkennbar eigene Handschrift diesmal mit Ideen kombiniert, die wir von den Marthaler Schüler*innen Barbara Bürk/Clemens Sienknecht kennen. Die Wissenschaftler*innen um den Statistik-Freak Dr. Wooley (Bernd Moss) finden sich in betont schrulligen Kostümen (Janina Brinkmann) in einer Retro-Show wieder, die von einem Conférencier (Benjamin Lillie) moderiert und häufigen Werbe-Jingles (Moritz Grove) unterbrochen wird.

In den deutlich zu langen zwei Stunden ist der Ton oft sehr aufgekratzt. Freunde eines skurril-schrulligen Humors kommen allerdings voll auf ihre Kosten, eine Sitznachbarin warf sich bei jeder angedeuteten Pointe weg, viele andere blieben reservierter. Das Timing sitzt diesmal nicht so gut wie es Vulesica in früheren Arbeiten beherrschte und unter der aufgekratzten Oberfläche transportieren sich kaum spannende Gedanken.

Auf ganzer Linie überzeugen kann der Abend nur musikalisch: die Regisseurin hat gemeinsam mit Yannick Wittmann einen tollen Soundtrack komponiert. In kleinen Soli wie Frieder Langenbergers Lied über die Liebe und in Gruppen-Arrangements zeigt das DT-Ensemble, verstärkt durch Ex-Ensemble-Mitglied und langjährigen Gast Moritz Grove, wie viel musikalisches Talent in ihnen steckt. Ansonsten kommt die Stanislaw Lem-Adaption nicht über eine Aneinanderreihung skurriler Szenen hinaus.

„Eine Minute der Menschheit“ wurde in einer Fassung der Regisseurin und ihrer Dramaturgin Lilly Busch am 30. November 2025 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt.

Bilder: Eike Walkenhorst

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