Ihren ganz eigenen versponnenen Stil pflegen Thorsten Lensing und eine kleine, aber sehr feine Truppe von Mitstreiter*innen. Alle paar Jahre tauchen sie wieder mit einem ungewöhnlichen Projekt jenseits der Stadttheater-Welt auf, 2019 schafften sie es mit „Unendlicher Spaß“ sogar bis zum Theatertreffen.
Lange waren die Sophiensaele die Berliner Andockstation für Lensing und Co., diesen Part übernahmen nun die Berliner Festspiele, die mit diesem Sprechheater-Abend kurz vor Schluss der aktuellen Performing Arts Season noch einen Kontrapunkt zu den diesmal dominierenden, internationalen Tanz- und Performance-Gastspielen setzen.
Der unverkennbare Lensing-Ton zeigt sich schon in der ersten Szene: nachdem die Holzbretter mit lautem Knall und viel Staub zusammenkrachten, kommt Sebastian Blomberg als Kater Apollo auf allen Vieren auf die Bühne. Ein Markenzeichen der Truppe ist es, dass sie regelmäßig in Tier-Rollen schlüpfen. In früheren Arbeiten erschöpfte sich dies oft in stolz ausgestellten Kabinettstückchen, die recht beliebig aneinander gereiht wurden, diesmal fügen sich diese komödiantischen Tier-Imitationen besser in den Abend ein.

Ausgiebig darf Blomberg demonstrieren, wie er sich die Pfoten leckt oder einen Fisch verschlingt. Der Kater lebt bei Goldie (Ursina Lardi), die todkrank ist und ihren Weg finden muss, diese Diagnose zu verarbeiten. Sie hat sich vorgenommen, kein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern an einer Holzkonstruktion zu werkeln. Dafür kommandiert sie ihre beiden Arbeiter herum.
Im Zentrum dieser tragikomischen Stückentwicklung, die auf Motiven aus Erzählungen und Romanen basiert, die der US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson in den 1990er Jahren veröffentlichte, steht die Meditation über und die Einübung in das Sterben. Schaubühnen-Star und Regisseurs-Gattin Lardi zeigt in dieser Ko-Produktion mehrerer Festivals, Staatstheater und Freie Szene-Produktionshäusern das Loslassen. Ihr gehören die stillen und leisen Momente.
Polternd werden diese immer wieder von Karin Neuhäuser, lange Jahre im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, durchbrochen. Sie spielt Vivian, die neue, mittlerweile vierte Frau von Goldies Vater (André Jung). Die beiden rüstigen Rentner sind abenteuerhungrig, wollen die restliche Lebenszeit aktiv genießen und üben mit leidlichem Erfolg das synchrone Paddeln im Kajak. Die sterbende Goldie, die sie an die Schattenseiten des Lebens erinnert, passt so gar nicht in ihre Pläne vom gemeinsamen Rentner-Glück. Neuhäuser mit ihrem schnoddrig-lakonischen Ton ist als einziger Neuzugang der bewährten Stammtruppe eine sehr willkommene Bereicherung, da sie das manchmal zu Versponnen-Ätherische, Selbstreferentielle der Lensing-Crew zuverlässig erdet.
Vor der Pause sind die „Tanzenden Idioten“ überraschend stringent. Während „Verrückt nach Trost“ 2022 als Nummernrevue noch zerfaserte, sind hier Figuren und Anliegen deutlich erkennbar. Trotz einiger Längen auf der gesamten Spielzeit von fast drei Stunden und ein paar angedeuteten Sketchen, die man in der zweiten Hälfte nach dem „Kill your darlings“-Prinzip ohne Verlust streichen könnte, entsteht diesmal ein runder Abend, der sich von den üblichen Routinen des Theaterbetriebs abhebt und in eine skurrile Parallelwelt einlädt.
Nach der Vorpremiere am 7. Januar im Theater im Pumpenhaus Münster hatte „Tanzende Idioten“ am 15. Januar im Haus der Berliner Festspiele Premiere. In den kommenden Momenten wird die Inszenierung bei weiteren Koproduktions-Partnern in Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und Österreich zu sehen sein.
Bilder: Armin Smailovic