Zukunftsmusik

Ihm gelang der Durchbruch des postmigrantischen Theaters mit „Verrücktes Blut“, damals noch am Ballhaus Naunynstraße, eingeladen zum Theatertreffen 2011. Er durfte die Gorki-Intendanz von Shermin Langhoff im Herbst 2013 mit Tschechows „Kirschgarten“ eröffnen und er hat auch die Ehre, die letzte Ensemble-Inszenierung ihrer Ära zu betreuen. Gemeint ist Hausregisseur Nurkan Erpulat.

Der Bogen endet mit einem Roman, der 2022 von den Feuilletons begeistert besprochen wurde, auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand und viele Rezensent*innen an Tschechows Sound erinnerte. Die einem breiten Publikum noch recht unbekannte Stimme Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren und kam noch als Kind nach Deutschland.

Ihr Roman beschreibt eine Momentaufnahme, den 11. März 1985, der eine welthistorische Wende einleitete, die damals kaum jemand erahnte. Mit Konstantin Tschernenko starb der letzte linientreue Generalsekretär der KPdSU, sein Nachfolger wurde das für die allermeisten noch unbeschriebene Blatt Michail Gorbatschow, der das Sowjet-System mit „Perestroika“ und „Glasnost“ grundlegend umgestaltete.

In der Kommunalka irgendwo im fernen Sibirien bekommen die Romanfiguren die Botschaft vom neuen Herrscher in Moskau nur gerüchteweise mit. Viel zu sehr sind sie mit sich und ihren Alltagssorgen beschäftigt. Die skurrilen Figuren sind Prototypen: der regimetreue Matwej (Doğa Gürer) mit seinem zu groß geratenen, kleinkarierten Jacket, die junge Musikerin Janka (Via Jikeli), die Rockstar werden möchte, aber bisher nur in der Küche spielt, und die patente Großmutter Warwara (Ursula Werner), die bei Mutter und Enkelin einzieht.

Die knapp zwei Stunden sind solide Roman-Nacherzählung mit skurrilen, verlorenen Gestalten. Allerdings riecht der Abend zu oft meilenweit nach Roman-Adaption, wenn zum Beispiel handlungsraffende Überleitungen frontal ins Publikum gesprochen werden.

Am offenkundigsten sind die Tschechow-Anklänge in der Schluss-Szene, als alle aufbrechen und melancholisch Abschied nehmen müssen. Natürlich ein Sinnbild für die Stimmung am Haus zum unfreiwilligen, bald nahende Ende von Shermin Langhoffs Amtszeit.

Ganz zum Schluss gibt es nach jeder „Zukunftsmusik“-Vorstellung noch ein Konzert des Duos „Stoptime“: Straßen-Musiker*innen, die in St. Petersburg wegen Songs gegen Putin und den Angriffskrieg in der Ukraine verhaftet wurden und nach Berlin geflohen sind.

Sie sind ähnlich jung wie der Großteil der Besetzung dieses Abends. Angeleitet vom erfahrenen Hausregisseur und der Gorki-Legende Ursula Werner sollten sich an diesem „Zukunftsmusik“-Abend vor allem die noch nicht so etablierten Spieler*innen von ihrem Publikum verabschieden.

Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

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