Barrie Kosky hat wieder mal einen Stoff ausgegraben, der wie für ihn gemacht ist: im 19. Jahrhundert schrieb Nikolai Gogol die satirische Kurzgeschichte „Die Nase“, in der er vermutlich autobiographische Mobbing-Situationen verarbeitete. In der alptraumhaften Handlung wacht der kleine Zarenreich-Beamte Kowaljow plötzlich ohne Nase auf: seine gesamte soziale Stellung im hierarchischen Gefüge ist ruiniert.
Der 22 Jahre junge Dimitri Schostakowitsch machte daraus die gleichnamige Oper, die 1930 im damaligen Leningrad uraufgeführt wurde. Der rasant-schrille Plot, die kreischenden Sägen und die furzenden Posaunen waren jedoch vermutlich zu viel Avantgarde für das damalige Publikum. Nach wenigen Vorstellungen wurde die Produktion abgesetzt.
Barrie Kosky studierte sie im heißen Juni 2018 mit Günter Papendell in der Hauptrolle ein, als er noch Intendant der Komischen Oper Berlin war. Fast acht Jahre später nahmen seine Nachfolger diese Inszenierung für die Interims-Spielstätte im Schillertheater wieder auf.
Die zwei Stunden kurze Oper bietet Unterhaltung für den Sonntag Nachmittag: eine ganze Stadt jagt schließlich der Nase des Protagonisten hinterher, die sich zunächst weigert, zu ihm zurückzukehren, da sie auf der Karriereleiter auf Anhieb über ihm steht, findet sich zum Happy-end aber doch wieder an ihrem Platz ein.
Highlight dieser Salon-Groteske ist ganz klar der von Otto Pichler choreographierte Stepptanz der Tänzer, nur ihre langen Beine ragen aus den überdimensionalen Nasen hervor. Mittendrin ist die kleinste im Bunde, eine Kinderdarstellerin, die diese mit langem Szenenapplaus belohnte Sequenz mit einem Solo abschließt.
„Die Nase“ hatte am 16. Juni 2018 Premiere und wurde am 15. März 2026 wiederaufgenommen.
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de