Eine spannende Weiterentwicklung ihres Body-Horror-Stils prägt den mittlerweile dritten Film von Julia Ducournau. Düster und bildgewaltig ist auch „Alpha“, doch ihr neues Werk überrascht mit einer klugen Synthese der Fantasy-Momente mit realistischen Motiven.
In der Normandie der 1980er Jahre ist „Alpha“ angesiedelt. Die Furcht vor der AIDS-Pandemie lähmt die Gesellschaft, Infizierte werden stigmatisiert und ausgegrenzt. Die genauen Übertragungswege sind unklar, diese Ungewissheit sorgt für zusätzliche Aggression.
Diese Aggression richtet sich auch gegen die Teenagerin Alpha (Mélissa Boros): das große A ihres Vornamens ließ sie sich auf den Arm tätowieren. Hat sie sich dabei mit dem Virus infiziert? Oder war die Nadel steril? Diese Fragen stellt sich ihre Mutter (Golshifteh Farahani): als Krankenschwester erlebt sie das Dahinsiechen jeden Tag hautnah. Und auch ihr Bruder, Alphas Onkel Amin (Tahar Rahim), wird immer schwächer und ausgemergelter. Sein Junkie-Körper ist von Einstich-Narben übersät und von der Krankheit gezeichnet.

Wie eine Aussätzige behandeln sie ihre Mitschülerinnen, panisch verlassen sie die Schwimmhalle, als Alpha zu bluten beginnt. Julia Ducournaus Film schildert sehr präzise die Mechanismen von Panik und Ausgrenzung auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise. Ein Thema, das zuletzt auch in „Sauhund“ an den Münchner Kammerspielen verhandelt wurde, die Parabel „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ durchzog und der Grund für ein Trauma in Carla Simóns „Romería“ ist, der ebenfalls im Cannes Wettbewerb 2025 lief und zeitgleich mit „Alpha“ in den deutschen Kinos startete.
Doch „Alpha“ ist natürlich viel mehr als Junkie- und AIDS-Sozialdrama, sondern auch visuell eindrucksvolles, beklemmendes Body-Horror-Kunstwerk. In Erinnerung bleiben vor allem die Marmorstatuen, in die sich die Kranken langsam verwandeln, bevor sie zu Staub zerfallen.
Etwas zu kitschig geriet das Finale, aber „Alpha“ ist dennoch ein sehenswerter Film, mit dem Ducournau unterstreicht, dass sie eine der begabtesten und interessantesten Regisseurinnen ist. Nach der Goldenen Palme für „Titane“ 2021 ging „Alpha“ im Wettbewerb von Cannes 2025 leer aus. Es folgten jedoch zahlreiche weitere Festival-Einladungen im Herbst 2025 (z.B. Hamburg, London, Wien).
Am 2. April 2026 startete „Alpha“ in den deutschen Kinos.
Bilder: © MANDARIN & COMPAGNIE, KALLOUCHE CINEMA, FRAKAS PRODUCTIONS, FRANCE 3 CINEMA