La Grazia

Mit einer elegischen Tragikomödie über einen bedächtigen Staatspräsidenten eröffnete das A-Festival in Venedig Ende August 2025. Toni Servillo, der Lieblingsschauspieler von Paolo Sorrentino spielt den fiktiven Mariano De Santis, der die letzten Monate seiner Amtszeit im römischen Quirinals-Palast verbringt.

Er wirkt so bedächtig wie der in Bellevue residierende Frank-Walter Steinmeier, ist aber auf den zweiten Blick eine wesentlich interessantere, sich in ihrer grüblerischen Wahrheitssuche aufreibende Figur. Vor seiner Zeit als Staatsoberhaupt hat er einen mehr als 2.000 Seiten dicken Strafrechtskommentar geschrieben, nun ringt er mir sich, ob er mit seiner Unterschrift ein Sterbehilfe-Gesetz in Kraft setzen soll. In diesem essayistischen Film wird nicht nur wortreich dieses ethische Dilemma verhandelt, in drei Erzählsträngen wird die Sterbehilfe auch praxisnah durchdekliniert: dem Präsidenten liegen zwei Gnadengesuche vor, bei denen Menschen ihre an Alzheimer leidenden Partner je nach Sichtweise umgebracht oder erlöst haben, er muss sich außerdem auch damit auseinandersetzen, ob sein Lieblingspferd den Gnadenschuss bekommen soll.

Er grübelt aber auch vergeblich nach der Wahrheit, mit wem ihn seine verstorbene, immer noch innig geliebte Frau Aurora vor vierzig (!) Jahren betrogen hat. Es lässt ihm keine Ruhe, immer wieder löchert er seine exaltierte Freundin Coco Valori (Milvia Marigiliano), die ihn seit der Schulzeit begleitet. Dieser Running-Gag lockert die melancholisch-philosophische Sinnsuche ebenso auf wie Slapstick-hafte Momente, z.B. das Straucheln des greisen, fiktiven Präsidenten von Portugal auf dem roten Staatsbesuch-Teppich.

Wie üblich erzählt Sorrentino dies in sehr schönen Bildern. In Erinnerung bleiben vor allem das Intro mit den italienischen Farben, die Flugzeuge am Himmel markieren, und die Tanz-Choreographie in der Mitte des Films, beides von denselben leitmotivischen Techno-Klängen unterlegt. Ebenfalls wie üblich gerät Sorrentino nah an den Kitsch und überschreitet diese Grenze auch, wenn er seine Hauptfigur die in Zeitlupe fallende Träne eines Astronauten auf der Leinwand erhaschen will. Der selbstverliebte Ästhetizismus ist ein Markenzeichen von Sorrentino, Stammgast in Cannes und Venedig.

Toni Servillo gelingt es, diesen Ästhetizismus zu erden. Zum dritten Mal spielt er einen italienischen Politiker in einem Sorrentino-Film, zunächst als Andreotti-Wiedergänger in „Il Divo“ (2008), dann als Berlusconi-Karikatur in „Loro“ (2018), nun den nachdenklicheren Typen, der entfernt an Sergio Matarella erinnert. Für diese Leistung gewann Servillo den Silbernen Löwen als bester Hauptdarsteller in Venedig 2025, außerdem war er für den Europäischen Filmpreis im Januar 2026 nominiert. Dazwischen lief der Film u.a. auf dem Filmfest Hamburg.

MUBI brachte „La Grazia“ am 19. März 2026 in die deutschen Kinos. 

Bild: Andrea Pirello

 

 

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