Gregor Gysi beißt sich an Corinna Harfouch die Zähne aus (DT-Matinee)

Bei der Matinee Gysi trifft Zeitgenossen muss der Fraktionschef der Linken normalerweise kurz nach 13 Uhr im Staccato durch die letzten Karteikarten hetzen. Üblicherweise verwickelt er seine Gesprächspartner in einen kurzweiligen, informativen Plausch, die Erinnerungen sprudeln aus den Gästen nur so heraus, der Zeitplan von zwei Stunden wird fast nie eingehalten, Christoph Schlingensief stellte sich in einem seiner letzten Auftritte vor seinem Lungenkrebs-Tod auch eine dritte Stunde Gysis Fragen.

Ganz anders diesmal: die Schauspielerin Corinna Harfouch beschwert sich schon, als sie auf dem breiten Drehsessel Platz nimmt, über das unbequeme, für ihren Rock unpassende Sitzmöbel. Gysis Miene versteinert, er wird ungewohnt schmallippig, als Harfouch bei Fragen nach ihrer Schauspielausbildung, Jugenderinnerungen oder prägenden Regisseuren, mit denen sie zusammenarbeitete, im besten Fall sehr kurz angebunden antwortet. Wenn es schlecht für Gysi läuft, quittiert sie seine Fragen mit glucksendem Lachen, einem spöttischen "Blablabla" oder ausladenden Gesten, mit denen sie den Unmut über die zu banalen und/oder intimen Fragen überdeutlich spüren lässt, bis Gysi noch tiefer im Sessel versinkt.

Harfouch rutscht nervös auf ihrem Stuhl herum, steht zwischendurch mehrmals auf. Es wirkt so, als würde sie sofort entnervt die Bühne verlassen, bleibt aber und lässt sich am Ende doch noch auf das Gespräch ein. Nachdem sie zum wiederholten Mal ins Publikum gefragt hat, ob die von Gysi angesprochenen Themen überhaupt jemand interessieren, taut sie auf, als er sie auf ihre Rolle als Hexe im Familienfilm Bibi Blocksberg (2002) und ihr Treffen mit Vera Brühne, die zu unrecht als Mörderin verurteilt und von ihr in einem TV-Film im Jahr 2001 verkörpert wurde, anspricht. Sie schlüpft kurz in die beiden Rollen, wirkt zum ersten Mal an diesem trüben Adventssonntag vergnügt.

Das Gespräch erinnert frappierend an Harfouchs Rolle in Yasmina Rezas Stück Ihre Version des Spiels: Auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters verkörpert Harfouch die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim, die von den Fragen einer Interviewerin bei einer Lesung irgendwo in der Provinz genervt ist. Genauso geht sie an diesem Vormittag mit dem sonst so wortgewandten und schlagfertigen Gysi um, der sich in einige Anekdoten rettet, die er schon mehrfach erzählte, und seinen Gast nach 100 Minuten schon um 12.40 Uhr verabschiedet.

Außer in Ihre Version des Spiels ist Corinna Harfouch am Deutschen Theater noch in Tschechows Möwe in der Regie von Jürgen Gosch zu sehen. Über ihn sprach sie voller Hochachtung, für Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, das seit 2004 mit großem Erfolg viele Jahre auf dieser Bühne zu sehen war, hat Gosch sie vom Film für die Bühne zurückgewonnen.

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