Dicker Wälzer über das Tiananmen-Massaker: „Peking Koma“

Ma Jian war noch nie ein linientreuer Gefolgsmann der chinesischen KP. Nach einer Ausbildung zum Maler und Fotografen reiste er als Tramp quer durch das Land und veröffentlichte seinen schonungslosen Bericht Red Dust. 1983 verbüßte er eine Gefängnisstrafe, da die Parteiführung ihn bei ihrer Kampagne gegen geistige Verschmutzung ins Visier genommen hatte. Dies hinderte ihn aber nicht daran, weitere heiße Eisen anzufassen und z.B. über die Lage in Tibet zu publizieren.

1989 war er einer der Aktivisten auf dem Tiananmen, die für einen Wandel demonstrierten und am 4. Juni von den Panzern in einem Massaker niedergewalzt wurden. Die eindringlichen Bilder ließ Ma Jian während seines Auftritts beim 14. ilb so häufig an die Wand projizieren, dass sich einige Besucher mit Schaudern abwandten. Dieses Massaker, das bis heute von der chinesischen Staats- und Parteiführung totgeschwiegen wird, steht im Zentrum seines fast 1000-seitigen Wälzers Peking Koma. Ein junger Demonstrant kämpft nach einem Kopfschuss um sein Leben, die Erinnerungen ziehen an ihm vorbei. Die Handlung schlägt einen weiten Bogen von Maos Kulturrevolution, unter deren Umwälzungen Ma Jians Vater als Lehrer litt, über die Repression gegen Falun Gong bis zur „Stadtentwicklungspolitik“ vor den Olympischen Spielen 2008, als ganze Stadtviertel abgerissen wurden.

Ma Jian verlangt dem Leser nicht nur durch die schiere Länge seines Buches viel ab, sondern auch durch die Schilderung der Gewaltakte, die keine Details ausspart. Nach China darf er aus seinem Londoner Exil längst nicht mehr einreisen, seine Bücher sind von der Zensur verboten.

Das Buch ist im Original bereits 2008 und auf Deutsch 2009 erschienen. Es wurde auf dem Festival gewürdigt, da sich das Massaker zum 25. Mal jährte. Leider blieb im engen Takt der ilb-Veranstaltungen zu wenig Zeit, die Hintergründe des Werks und die aktuelle Situation in China noch intensiver zu beleuchten. Fragen aus dem Publikum wurden überhaupt nicht zugelassen.

Ma Jian: Peking Koma: Rowohlt, 923 Seiten

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