Peer Steinbrück streitet am DT mit Andres Veiel über „Himbeerreich“ und die Lehren aus der Finanzkrise

Andres Veiels Insider-Dokumentartheater Himbeerreich steht seit zwei Jahren auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Berlin und des Schauspiels Stuttgart. Eine Kritik habe ich hier veröffentlicht.

Im Anschluss an die gestrige Vorstellung diskutierte der Regisseur Andres Veiel mit Peer Steinbrück, der während der Krise nach dem Lehman-Crash 2008/2009 als Finanzminister Verantwortung trug: das Podiumsgespräch, das taz-Redakteur Stefan Reinecke moderierte, begann recht harmonisch. Steinbrück attestierte Veiel, dass er an diesem Abend vieles wiedererkannt habe und dass die brisanten Entwicklungen auf den Märkten zwar zugespitzt, aber überzeugend dargestellt seien.

Der Ton wurde rauer, als Reinecke und Veiel den ehemaligen Minister nach seiner Rolle bei einer geplanten Übernahme der Dresdner Bank fragten. Die drei Akteure auf dem Podium stritten sich um fachliche Details, Steinbrück räumte ein, dass man rückblickend konstatieren müsse, dass die damaligen Übernahme-Deals falsch gewesen seien.

Spannend wurde es, als Veiel und Steinbrück sich darüber auseinandersetzten, ob wir die richtigen Lehren aus der Krise gezogen haben. Der Politiker sah das Glas halb voll, es seien wichtige Regulierungen eingeleitet worden. So gebe es mittlerweile eine klare Haftungskaskade, falls sich Banken verzocken. Unter dem Strich gehe die Regulierung noch nicht weit genug, vor allem das System der Schattenbanken sei noch völlig unangetastet. Steinbrück beklagte, dass er für seine Vorschläge im Wahlkampf keine Mehrheiten bekommen habe und die Verhandlungen auch auf europäischer und internationaler Ebene nur zäh vorankämen. Überfällige Schritte wie die Einführung einer Finanztransaktionssteuer würden deshalb weiterhin blockiert. Veiel entgegnete, dass sich seine hochrangigen Banker-Informanten einig gewesen seien, dass wir bereits auf den nächsten großen Crash zusteuern, da es bisher nur kosmetische Änderungen gegeben habe.

Weitgehend einig waren sich die Diskussionspartner, dass Risiken nicht verschwunden sind, sondern oft nur verschoben wurden: Durch die Entscheidungen von Draghis EZB seien Schulden faktisch vergemeinschaftet worden, allerdings ohne dies offen auszusprechen und ohne die notwendige demokratische Legitimation. Problematisch sei es, dass viele griechische Millionäre ihr Geld weiterhin in der Schweiz vor dem Fiskus verstecken und Irland seine niedrigen Körperschaftssteuern für internationale Unternehmen nicht den üblichen Standards anpasse. Konsens war auch, dass seit Mitte der 1990er Jahre die soziale Spaltung deutlich zugenommen habe, dies aber öffentlich zu wenig diskutiert werde.

Gegen Ende des etwas mehr als einstündigen Gesprächs warf Steinbrück Veiel unfaire Attacken vor und zeigte ihm mit dem Satz „Ich gehe Ihnen doch auch nicht an die Wäsche!“ verbal den Stinkefinger. Steinbrück analysierte in der Schlussrunde, dass das Ringen um den Primat zwischen Politik und Wirtschaft aus seiner Sicht derzeit unentschieden sei, und kündigte ein neues Buch zu diesem Thema an.

Das Himbeerreich
von Andres Veiel am Deutschen Theater Berlin.

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