Christoph Marthaler und Irm Hermann zwischen Schlager und Barock: „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“ an der Volksbühne

Christoph Marthaler, der seit den 1990er Jahren zum Volksbühnen-Urgestein zählt, sorgt seit Oktober mit Tessa Blomstedt gibt nicht auf für ein volles Haus am Rosa-Luxemburg-Platz. In seiner neuen Inszenierung schlägt er einen weiten Bogen: der Abend beginnt mit einem stillen Moment, einem Gamben-Solo (Heidi Gröger), das jäh von den übrigen auf die Bühne drängenden Akteuren unterbrochen wird, und kommt knapp zwei Stunden später kurz nach einer theatralischen Parodie von Helene Fischers Atemlos an sein Ende.

Nach dem Auftakt mit klassischer Musik entert ein Quartett aus vier Frauen im Raubkatzen-Look die Bühne: die norwegische Sopranistin Tora Augestad, die seit 2010 regelmäßig mit dem Schweizer Regisseur zusammenarbeitet, Lilith Stangenberg, eines der bekanntesten Gesichter in Castorfs Ensemble, die österreichische Schauspielerin Olivia Grigolli, die in den 90ern fest an der Volksbühnen engagiert war und Marthaler anschließend nach Zürich folgte, sowie Altea Garrido, die bei Pina Bausch Tanz studiert hat.

Die vier führen in einer Crossover-Revue durch den Abend: vom Kyrie eleison geht es zu 70er Jahre-Pop von Baccara, Barock-Arien von Henry Purcell wechseln sich mit Whitney Houstons I will always love you und Rammstein (interpretiert von einem Heino-Double) ab. An den musikalischen Einlagen und Choreographien der vier Kolleginnen beteiligt sich auch immer wieder Irm Hermann, die schon im Schwabing der 60er Jahre von Rainer Werner Fassbinder entdeckt wurde und gewollt hüftsteif zu den Melodien swingt, wenn sie nicht gerade die Blumen am Bühnenrand gießt.

Der ironische musikalische Streifzug durch die Musikgeschichte wird durch ein Leitmotiv zusammengehalten: Tessa Blomstedt, ein Dating-Portal-Nickname, hinter dem sich alle fünf Frauen auf der Bühne verbergen, sehnt sich nach Liebe. Zwischendurch werden deshalb Flirttipps und von Computern übersetzte, unverständliche Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs) verlesen oder aus dem Off (Josef Ostendorf) eingesprochen.

Dass dieser Stilmix zu einem unterhaltsamen Abend wird, ist der Regiekunst und Erfahrung des eingespielten Teams um Christoph Marthaler und seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock zu verdanken. Mit feiner Ironie statt Klamauk navigiert Tessa Blomstedt durch einen assoziativen Liederabend im unverkennbaren Marthaler-Stil.

Tessa Blomstedt gibt nicht auf – ein Testsiegerportal von Christoph Marthaler und Ensemble. – Ca. 2 Stunden. – Premiere an der Volksbühne: 15. Oktober 2014

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