„Warten auf Godot“ am DT: Samuel Finzi und Wolfram Koch als traurige Clowns in Endlosschleife

Wie soll man Warten auf Godot, Samuel Becketts Klassiker des absurden Theaters, heute inszenieren? Heerscharen von Literatur- und Theaterwissenschaftlern beißen sich seit Jahrzehnten an der Frage die Zähne aus, wie dieses wohl berühmteste Anti-Drama des Literaturnobelpreisträgers zu interpretieren ist. Ging es Beckett um die Auseinandersetzung mit der Religion, die Suche nach Gott, die Theodizee-Frage? Oder arbeitet Beckett mit diesem Stück seine Jahre bei der Résistance im von den Nazis besetzten Frankreich auf, wie manche Forscher vermuten?

Regisseur Ivan Panteleev
lässt diese Frage dahingestellt. Er setzt auf seine beiden Hauptdarsteller, das Duo Samuel Finzi und Wolfram Koch aus der Gotscheff-Theaterfamilie, die an diesem Abend tun, was sie am besten können: Fast ganz ohne Requisiten beharken sie sich auf der abschüssigen Rampe rund um den Krater als traurige Clowns. Das Warten auf Godot wird zur Reflexion über die Leere und das Nichts, unterbrochen von virtuosen Slapstick-Nummern.

Im Publikum gehen die Meinung auseinander: der Regiestil dieser Inszenierung wird von den einen begeistert beklatscht, andere winken gähnend ab und zeigen sich lieber schon nach einer halben Stunde Kinderfotos auf ihren Smartphones. Jede Anspielung auf die zerdehnte Zeit, das vergebliche Warten und die aufkommende Langeweile von Wladimir und Estragon auf der Bühne wird von ironisch vor sich hin gemurmelten, zustimmenden Zuschauerkommentaren begleitet. Dieser Abend zieht sich trotz seiner Dauer von etwas mehr als zwei Stunden ziemlich in die Länge.

Einer wäre wohl sehr begeistert von dieser Inszenierung: Dimiter Gottscheff, der während der Vorarbeiten zu diesem Stoff an den Folgen seiner Suchterkrankung starb, so dass sein langjähriger Weggefährte Panteleev die Arbeiten abschließen musste. Ihm ist diese Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Deutschen Theaters Berlin gewidmet. Mit der Einladung zum Theatertreffen 2015 verneigt sich die Jury ein zweites Mal vor Gotscheff, dessen letzte Münchner Inszenierung Zement nach Heiner Müller das Festival im vergangenen Jahr eröffnete.

Warten auf Godot von Samuel Beckett. – Regie: Ivan Panteleev. – Für Dimiter Gotscheff. – Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen am 5. Juni 2014, am Deutschen Theater Berlin am 28. September 2014. – Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2015. – Ca. 2 Stunden 20 Minuten

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