Necesitamos algo más cool! Chilenisches F.I.N.D.-Gastspiel „La imaginación del futuro“ arbeitet sich an den Linken und Allende ab

La imaginación del futuro von La Re-sentida aus Chile beginnt mit einer satirischen Abrechnung mit dem Berufsstand der PR-Berater und Spin-Doktoren. Koksende, überdrehte Typen rennen hysterisch schreiend um einen armen Tropf herum.

Die Provokation für die politische Linke in Lateinamerika könnte kaum größer sein: die Entschlossenheit, mit der Salvador Allende, ein Hoffnungsträger der weltweiten Protestbewegungen von 1968ff., sich mit dem Rücken zur Wand noch einmal in einer Radioansprache an die Weltöffentlichkeit wandte, wird von vielen Linken bis heute als Teil seines politischen Vermächtnisses verehrt. Von diesem Geschichtsbild lassen der Regisseur Marco Layera (Jahrgang 1978) und seine Gruppe wenig übrig: ihr Allende (Rodolfo Polgar) ist ein überforderter alter Mann, der mehrfach zu seinen berühmten letzten Worten ansetzt, die in deutscher Übersetzung hier nachzulesen sind. Wie eine Marionette wird er von seiner Umgebung hin- und hergeschoben, bei jeder Gelegenheit unterbrochen und in immer albernere Kostümierungen wie z.B. einen weißen Trainingsanzug mit großem adidas-Logo gesteckt. Sie brüllen durcheinander, welcher Hintergrund freundlicher und zielgruppengerechter wirke: Grün oder Rot? Marketing und Verpackung sind alles, necesitamos algo más cool! Politische Inhalte sind austauschbar und drittrangig. Das ist die Botschaft, die uns in der ersten halben Stunde eingehämmert wird.

Nachdem dies abgehandelt ist, zieht La Re-sentida das Tempo noch mal deutlich an. Es folgt ein provozierender Generalangriff auf den aktuellen Zustand der chilenischen Gesellschaft im allgemeinen und die Situation der Mitte-Links-Parteien im besonderen. Nach dem Sturz Pinochets habe sich nichts geändert, Korruption, soziale Ungleichheit und mangelnde Bildungschancen sind die Stichworte. So weit, so bekannt, aus zahlreichen Leitartikeln über die Lage Lateinamerikas.

Polemisch, ja auch vulgär und obszön, schreien La Re-sentida ihre Wut heraus. Die Körper der Schauspieler purzeln ebenso durcheinander wie die kurz angerissenen Themen. Einiges geht gründlich daneben, Tiefpunkt ist die Szene, als ein Zuschauer bedrängt wird. Leopold Lippert hat zu diesen Momenten im letzten Absatz seiner Nachtkritik alles Notwendige gesagt. Eine assoziative Passage, in der sie von Front-National-Gruppensex-Phantasien um Marine Le Pen zur Massenentführung von Iguala springen, ist ähnlich provozierend. Bei einem Gastspiel in Frankreich begann im Publikum eine Schlägerei, vor allem viele ältere Chilenen, die im Widerstand gegen das Pinochet-Regime waren, lehnen das Stück ab, wie im Publikumsgespräch berichtet wurde.

Die Einwände sind sehr berechtigt: ein älteres Ehepaar konstatierte schon während der Aufführung „Unser Niveau ist das nicht“, Leopold Lippert wirft der Inszenierung vor, „zynisch“ zu sein. Und doch bleiben von diesem Abend eine Energie und eine Wut in Erinnerung, die in gelungeren Szenen kulminieren: in der sehr gut choreographierten Protest-Tanz-Einlage („Wer jetzt nicht springt, ist ein Rechter, oder eben Christdemokrat“) oder der Strandparty, mit der einschlägige Video- und Werbeclips und das Sonne, Samba, Strand-Lateinamerika-Reiseprospekt-Klischee karikiert werden.

Was bleibt? Tiefer Pessismus. Allende stirbt von einer Kugel, alles schwarz, endlich Stille nach 90 Minuten Turbo-Brachial-Theater. Und der Ex-Präsident Allende hängt auf überlebensgroßen Plakaten gleich neben Che Guevara: zwei Ikonen. Keine Helden, sondern Posterboys einer gescheiterten Revolution, von den Linken verraten und zu Marketing-Zwecken missbraucht. Darauf eine Coca-Cola?!

La imaginación del futuro von Teatro La Re-sentida (Chile). – Regie: Marco Layera. – Mit: Diego Acuña, Benjamin Cortés, Carolina de la Maza, Pedro Muñoz, Carolina Palacios, Rodolfo Pulgar, Sebastián Squella, Benjamin Westfall, Rocco Kohlmeyer. – Zu Gast beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne am 25. und 26. April 2015. – 90 Minuten ohne Pause

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