Vergiftet

Fassbinders „Bremer Freiheit“ am Berliner Ensemble

„Bremer Freiheit“ zählt nicht zu den Rainer Werner Fassbinders bekanntesten Werken, die er wie in einem Arbeitsrausch und mit massiver Selbstausbeutung in sehr hoher Schlagzahl auf den Markt brachte.

Vorlage für sein 16. Theaterstück, das 1971 in Bremen uraufgeführt wurde, war ein Kriminalfall aus der Stadtgeschichte: Gesche (oder in Fassbinders alternativer Schreibweise: Geesche) Gottfried brachte Anfang des 19. Jahrhunderts 15 Menschen um, darunter ihre beiden Ehemänner, ihre Eltern und ihre Kinder.

BREMER FREIHEITFrau Geesche Gottfried  • Ein bürgerliches Trauerspiel Rainer Werner Fassbinder

Fassbinder erforschte in seinem Drama, das nur ein Jahr später auch als Fernsehfilm ausgestrahlt wurde, die Motive der Frau. Ganz auf der Höhe des Zeitgeistes der frühen 70er Jahre sieht er seine Hauptfigur Gesche als eine Frau, der von gefühlskalten Männern, patriarchalen Strukturen und religiösen Zwängen die Luft zum Atmen abgeschnürt wird. Aus Notwehr greift sie zum Arsen, das sie in den Kaffee träufelt.

Catharina May bringt diesen selten gespielten Stoff in ihrer ersten eigenen Regiearbeit auf die Bühne des Pavillons im Hof des Berliner Ensembles. Erfahrungen sammelte sie als Assistentin von Claus Peymann bei seiner jüngsten Handke-Inszenierung und von Robert Wilson bei seinem Faust-Musical.

In kurzen, präzise komponierten Szenen trifft die Hauptdarstellerin Krista Birkner als Gesche Gottfried auf ihre Kontrahenten, die sie in scharfem Ton mit ultimativen Forderungen bedrängen: Mal ist es der erste Ehemann (Georgios Tsivanoglou), der breitbeinig rumsitzt und sie barsch herumkommandiert. Mal ist es der Vater (Joachim Nimtz), der sie gegen ihren Willen mit einem Vetter verheiraten will. Mal ist es die verhärmte Mutter (Ursula Höpfner-Tabori), die verlangt, dass sie die Affäre mit einem Mann beendet, da sie damit Schande über die Familie bringt und gegen religiöse Gebote verstößt. Ihr Bruder (Stephan Schäfer) verlangt, dass sie ihm die Leitung des Familienbetriebs übergibt.

BREMER FREIHEITFrau Geesche Gottfried  • Ein bürgerliches Trauerspiel Rainer Werner Fassbinder
BREMER FREIHEIT Frau Geesche Gottfried • Ein bürgerliches Trauerspiel Rainer Werner Fassbinder Regie: Catharina May Bühne: Karl-Ernst Herrmann Kostüme: Wicke Naujoks Dramaturgie: Anke Geidel Mit: Krista Birkner, Ursula Höpfner-Tabori, Karla Sengteller; Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Stephan Schäfer, Marvin Schulze, Jörg Thieme, Georgios Tsivanoglou, Axel Werner, Thomas Wittmann Premiere: Samstag, 21. Mai im Pavillon

Die Szenen ähneln sich in der Grundkonstellation: Gesche wird in die Enge getrieben, versucht zunächst schüchtern, dann immer selbstbewusster, ihre Position klarzumachen, beißt aber auf Granit. Scheinbar lenkt sie ein und bietet mit Unschuldsmiene den tödlichen Kaffee an.

Es ist vor allem dem überzeugenden Spiel der Hauptdarstellerin zu verdanken, dass die neunzig Minuten weder langweilig wirken noch in platte Emanzipations-Rührseligkeit abdriften. Zurecht lobte die Berliner Morgenpost den „Facettenreichtum“ der Gesche Gottfried, die in ihren Handlungen nicht zum serienmordenden Monster, sondern nachvollziehbar wird.

Die Premiere von „Berliner Freiheit“ war am 21. Mai 2016. Weitere Termine am Berliner Ensemble

Bildrechte: Lucie Jansch

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2 thoughts on “Vergiftet

  1. Nicht der Roland ist das Symbol für die Bremer Freiheit, sondern die Ge(e)sche als Symbol für Emanzipation.
    Dieser Begriff ist historisch nicht anwendbar, richtet aber den Blick auf den Versuch der Menschen, sich frei zu entfalten, gegen immerwährende gesellschaftliche Zwänge.
    Eine Frau Anfang des 19. Jahrhunderts, entdeckt sich selbst als selbstbewußter Mensch, der konsequent gegen alle Konventionen ankämpft, die ihre persönliche Entwicklung als Frau und Mensch zunichte machen.
    Da sie als Frau keine Rechte hat, nimmt sie das Recht in ihre eigene Hand und mordet.
    Jeder, der ihrem Wunsch nach persönlicher Freiheit entgegensteht, fällt ihrem Wunsch nach persönlicher Freiheit zum Opfer.
    Sie mordet auch ihre Kinder, weil für sie die Liebe das Wichtigste im Leben eines Menschen ist, weil
    ihre Liebe größer ist als Mutterliebe.
    Das stimmt nicht.
    Hier gelingt es der Regisseurin mit einfachen Mitteln den aufkommenden Wahnsinn der Geesche mit schrillen Tönen zu vermitteln.
    Die abgezählten Tassen mit dem Gift, der kleine Ofen mit Kessel, der immer dann dampft, wenn Gift ins Spiel kommt, der zorromäßge zickzackartige Laufsteg, ein Stuhl als Herrschaftssymbol.
    Das alles passt auch atmosphärisch in jeder Hinsicht.
    Und dann die Akteure !
    Was für eine physische Präsenz für die Zuschauer, denen die Spucke der Schauspieler um die Ohren fliegt.
    Von Angesicht zu Angesicht wird gestorben, der Brustkorb der Toten bewegt sich nicht ( natürlich tut er das ).
    Die Kostüme, irgendwie dunkel, dennoch pasend.
    Die Ge(e)sche überzeugt und dringt ins Gehirn, ebenso die zahlreichen Nebendarsteller, die von den Klassikern der Berliner Ensemble gestellt werden.
    Einfach, wunderbar, empfehlenswert ist dieses bürgerliche Trauerspiel.

    Dr. Rolf Kaiser

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