Missverstanden

In seiner großen Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche rühmte Navid Kermani die Schönheit des Sufismus: „Indem er an Gott vor allem die Barmherzigkeit hervorhob, im Koran hinter jeden Buchstaben sah, in der Religion stets die Schönheit suchte, die Wahrheit auch in anderen Glaubensformen erkannte und ausdrücklich vom Christentum das Gebot der Feindesliebe übernahm, durchdrang der Sufismus die islamischen Gesellschaften mit Werten, Geschichten und Klängen, die aus einer Buchstabenfrömmigkeit allein nicht abzuleiten gewesen wären. Der Sufismus als der gelebte Islam setzte den Gesetzesislam nicht etwa außer Kraft, aber er ergänzte ihn, machte ihn im Alltag weicher, ambivalenter, durchlässiger, toleranter und durch die Musik, den Tanz, die Poesie vor allem auch sinnlich erlebbar.“

Aber: „Kaum etwas davon ist übrig geblieben“, klagte Kermani. Wenn wir an den Islam denken, haben wir sofort Bilder der IS-Gotteskrieger im Kopf. Besonders eindringlich warnt der Verfassungsschutz regelmäßig vor jungen Dschihadisten, die hier aufgewachsen sind, sich radikalisieren und in Terrorcamps nach Syrien gehen.

Dies ist der Hintergrund für die Boulevardkomödie „Stirb, bevor du stirbst“ von Ibrahim Amir, die am Schauspiel Köln uraufgeführt wurde: Eine gefährliche Mischung aus Halbwissen und Vorurteilen über den Islam endet hier tödlich.

Stirb, bevor du stirbst
Stirb, bevor du stirbst Komödie von Ibrahim Amir Regie: Rafael Sanchez Bühne: Dirk Thiele Kostüme: Sara Giancane Musik: Cornelius Borgolte Video: Bibi Abel Licht: Jan Steinfatt Dramaturgie: Thomas Laue Foto: David Baltzer Kontakt des Fotografen: baltzer@zenit-online.de Uraufführung am 07.11.2015 Depot 2 Auf dem Bild sehen Sie: Benjamin Höppner, Margot Gödrös, Birgit Walter, Nicola Gründel

Eine alleinerziehende Krankenschwester, ihre etwas schrullig-vergessliche Mutter und die neue arabischstämmige Nachbarin steigern sich in die Vorstellung hinein, dass Sohn Philipp nach Syrien in den Dschihad gezogen sei. Die Indizien werden zu einem Brei aus Paranoia und Panik verrührt.

Mit heftigem Türenknallen, hysterischen Schreiduellen und stark überzeichneten Figuren holpert der Abend seiner finalen Pointe entgegen: Weder Polizei noch Angehörige konnten zwischen Sufis und Salafisten unterscheiden. Das Missverständnis endet für Philipp und seinen Kumpel tödlich, als der überforderte Polizist einen vermeintlichen Rettungsschuss abgibt.

Als Nachklapp stellte Regisseur Rafael Sanchez diesem Ende eine positive Utopie entgegen: die drei Frauen sitzen entspannt in der Küche und plaudern über Philipps Sufi-Workshop in Konya/Türkei.

Stirb, bevor du stirbst
Stirb, bevor du stirbst Komödie von Ibrahim Amir Regie: Rafael Sanchez Bühne: Dirk Thiele Kostüme: Sara Giancane Musik: Cornelius Borgolte Video: Bibi Abel Licht: Jan Steinfatt Dramaturgie: Thomas Laue Foto: David Baltzer Kontakt des Fotografen: baltzer@zenit-online.de Uraufführung am 07.11.2015 Depot 2 Auf dem Bild sehen Sie: Birgit Walter, Margot Gödrös

„Stirb, bevor du stirbst“ wurde am 7. November 2015 am Schauspiel Köln uraufgeführt und war am 22. Juni 2016 zu Gast bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin.

Bilder: David Baltzer

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