Entfesselt

Ernst Tollers „Der entfesselte Wotan“ im Pavillon des Berliner Ensembles

Veit Schubert ist nicht nur eine wichtige Stütze des Berliner Ensembles, sondern auch Professor an der HfS Ernst Busch.

Gemeinsam mit seinen Studentinnen und Studenten erarbeitet er regelmäßig Inszenierungen für den Pavillon im Hof des BE. Dabei hat Schubert ein sicheres Gespür für Stoffe, die ein Nischendasein fristen und noch nicht so abgedroschen sind.

Mit „Zwei Herren aus Verona“ gelang ihm und seinem spielfreudigen Ensemble ein großer Wurf: aus der Komödie, die sicher zu den schwächeren und uninteressanteren Shakespeare-Werken gehört, zauberten sie einen erstaunlichen, sehr unterhaltsamen Theaterabend.

Der neue Jahrgang widmet sich nun ebenfalls einem fast vergessenen Stoff: Aus dem literarischen Werk von Ernst Toller kennt man heutzutage am ehesten noch seine Revue „Hoppla, wir leben!“ (1927). Außerdem hat er seinen Platz in den Geschichtsbüchern als sozialistischer Anführer der Münchner Räterepublik: sie wurde nach wenigen Monaten im Juni 1919 niedergeschlagen und endete für Toller mit mehrjähriger Festungshaft.

BE Der entfesselte Wotan

BE Der entfesselte Wotan

Während dieser Zeit schrieb er das Drama „Der entfesselte Wotan“: eine expressionistische, stark ins Groteske ausufernde Komödie über einen Friseur, der sich zum Anführer einer Schar von Auswanderern aufschwingt und krachend scheitert.

Als das Stück 1923 erschien, war es eine hellsichtige, aber fruchtlose Warnung vor dem Erstarken rechtsextremer Rattenfänger. Manche Textpassagen über ein orientierungs- und kraftloses Europa könnten aber auch aus einem tagesaktuellen Leitartikel stammen. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass Hauptdarsteller Tobias Lutze (als Friseur Wilhelm Dietrich Wotan) an die Auftritte der einschlägig bekannten Herren Donald Trump, Geert Wilders und Boris Johnson erinnert.

BE Der entfesselte Wotan

BE The Experiment

Der Stoff ist also eine interessante Wahl, hat aber den Nachteil, dass die Figuren –  je länger der anderthalbstündige Abend dauert, umso deutlicher wird dies – nur Karikaturen und Knallchargen sind. Für die Schauspielerinnen und Schauspieler gibt es deshalb zu wenig Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen und Nuancen herauszuarbeiten.

Die Premiere von „Der entfesselte Wotan“ war am 19. Juni 2016 im Pavillon des Berliner Ensembles.

Bilder: Marcus Lieberenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.