Boualem Sansal „2084“

Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung des 16. internationalen literaturfestivals berlin trafen sich Boualem Sansal und Norbert Lammert auf der – leider wie gewohnt stickigen – Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele.

Der algerische Schriftsteller Sansal wurde hierzulande seit 2011 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Einige Monate später war er auch Mitglied der Wettbewerbs-Jury, die den Goldenen Bären der Berlinale 2012 an die italienischen Brüder Taviani verlieh.

Sansal hatte nach seiner Promotion in VWL im Industrieministerium Algeriens Karriere gemacht, wurde dort aber  wegen seines 1999 erschienen Debütromans „Le serment des barbares“ aus dem Staatsdienst entlassen, der 2003 auf Deutsch unter dem Titel „Der Schwur der Barbaren“ im Merlin Verlag erschien. Er war bereits mit diesem Erstlingswerk beim ilb zu Gast, das damals noch in den Sophiensaelen stattfand, und las in diesem Jahr bereits zum 6. Mal beim Festival in Berlin.

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Sein zentrales Thema ist der Vormarsch des Islamismus, mit dem er beispielsweise 2013 in seinem Essay „Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert abrechnete. Sein jüngstes Werk ist der Roman „2084. Das Ende der Welt“ (im französischen Original: „2084. La fin du monde“), das überdeutlich auf George Orwells „1984“ anspielt.

Der Islamismus wird hier zwar nicht direkt erwähnt, aber die Zustände im fiktiven Abistan sind die Wunschträume eines Kalifats islamistischer Fundamentalisten: „Neun Mal am Tag muss gebetet werden. Ansonsten werden die Massen mit Pilgerfahrten und Exekutionen von Ungläubigen beschäftigt“, fasste Deutschlandradio Kultur in einer Besprechung zusammen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert bemängelte schon in seinem Eingangsstatement, nachdem er sich mit halbstündiger Verspätung endlich aus dem Regierungsviertel in den Berliner Westen durchgekämpft hatte, den „penetrant pessimistischen“ Grundton von Sansals Buch.

Die folgende Diskussion entwickelte sich zu einem professoralen Vortrag über Totalitarismus im Allgemeinen und Hannah Arendt im Besonderen. Lammert zeigte sich optimistisch: die historische Erfahrung habe gezeigt, dass jedes totalitäre System, das seine Ideologie mit brutaler Gewalt absichert, zunächst zwar stabil erscheint, aber früher oder später am Widerstand der Bürger zerbricht.

Als die Diskussion auch fürs Publikum geöffnet wurde, zeigte sich eine Französin enttäuscht, dass der Abend zu sehr um allgemeinere Themen kreiste und Sansals Kernthema, der Islamismus, zu kurz gekommen sei.

Rezensionen zum Buch

Weitere Veranstaltungen des 16. ilb

 Bildrechte: Autorenporträt von Hartwig Klappert und Cover vom Merlin Verlag

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