Empire

Der Schweizer Regisseur Milo Rau führt uns zum Abschluss seiner Europa-Trilogie in die unmittelbare Nachbarschaft des Kontinents: in die nachgebaute Küche der Mutter von Ramo Ali in einem kleinen Ort in Kurdistan. Nach dem 1. Weltkrieg zogen die europäischen Mächte ziemlich willkürlich die Grenzen von Syrien, der Türkei und Irak. Heute ist die Region das Epizentrum eines Krisenbogens und Schauplatz eines brutalen Bürgerkriegs in Syrien, dem die europäischen Demokratien seit mehr als fünf Jahren hilflos zusehen.

Zu sanften Klavierklängen gibt es zunächst eine etwas zähe Exposition des Theaterabends „Empire“: die vier Schauspieler erzählen von ihren Wurzeln, den verästelten Geschichten ihrer Familien und vom Verlassen ihrer Heimat. Sie reden am Küchentisch und filmen sich dabei abwechselnd, so dass sie gleichzeitig auch in Großaufnahme auf der Video-Wand zu sehen sind. Nach einer unfreiwilligen, technisch bedingten Pause, die zum Spielzeitauftakt an der Schaubühne (nach  der Panne bei Constanza Macras im vergangenen Jahr) fast schon zur Tradition wird, findet der Abend seinen Rhythmus.

Im Zentrum stehen nun die beiden erschütternden Erlebnisse von Ramo Ali und Rami Khalaf: sie konfrontieren das Publikum mit ihren Berichten von den Haftbedingungen in Palmyra, den Exekutionen an den Straßensperren und ihrer Flucht nach Paris bzw. Süddeutschland, wo sie an Theatern arbeiten. Vorwarnung: Den Zuschauern werden auch die Bilder der von Folter entstellten Opfer nicht erspart.

Dazwischen flechten Maia Morgenstern und Akillas Karazisis ihre autobiographischen Erfahrungen ein: Letzterer schildert die Aufbruchstimmung in den revolutionären K-Gruppen im Heidelberg der 70er Jahre nach seiner Flucht aus Thessaloniki vor der griechischen Militär-Junta. An den deutschen Stadttheatern war er lange auf das Rollenklischee eines Ausländers festgelegt. Erstere suchte im Vernichtungslager Auschwitz nach den Spuren ihres Großvaters und wurde für ihre Rolle in Mel Gibsons höchst umstrittenem Film“Die Passion Christi“ angefeindet. Sie ist heute Leiterin des Jüdischen Theaters in Bukarest und wurde durch die elegischen Filme von Theo Angelopoulos bekannt. Sein Werk ist neben dem „Medea“-Mythos das zweite Leitmotiv, das in Milo Raus „Empire“ mehrfach wiederkehrt: Eleni Karaindrou, die Komponistin der Filme von Angelopoulos, ist auch für die Musik zu „Empire“ verantwortlich. Eine zentrale Szene aus dem Film „Der Blick des Odysseus„, bei der eine Leninstatue über die Donau abtransportiert wird, wird auf der Videowand übertragen.

Empire - Third Part of Europe Trilogy by Milo Rau / IIPM

„Empire“ nimmt viele Themen aus den beiden ersten Teile von Milo Raus-Trilogie wieder („Civil Wars“, Kritik hier und „Dark Ages“, Kritik hier) auf. Die Grundstimmung des neuen Abends ist noch düsterer, da die Schauspieler diesmal direkt aus der Hölle des syrischen Bürgerkriegs berichten.

Wer nur eines der drei Stücke sehen kann oder will, sollte sich für das mittlere Werk „Dark Ages“ entscheiden, da es Milo Rau in dieser Zusammenarbeit mit dem Münchner Residenztheater am besten gelungen ist, die verschiedenen Erzählstränge zu einem beeindruckenden Ganzen zu verweben.

Unmittelbar vor der Berlin-Premiere von „Empire“, das bereits eine Woche zuvor in Zürich uraufgeführt wurde, ging es im Studio der Schaubühne ebenfalls um den Zustand der westlichen Demokratien: Im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin war David van Reybrouck mit seinem Essay „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ zu Gast.

Seine Abrechnung mit der repräsentativen Demokratie macht einen auf den ersten Blick reichlich naiv wirkenden Vorschlag: wir sollen zurück zum Losverfahren der attischen Polis-Demokratie. Ist das für eine global vernetzte, technisch hochkomplexe Gesellschaft denkbar?

Die Zweifel bleiben, aber in dem knapp einstündigen Gespräch wurde immerhin deutlich, wie er zu seinem flammenden Plädoyer für einen grundlegenden Wandel unseres gegenwärtigen Demokratie-Modells kam: sein Buch ist die Reaktion auf das dysfunktionale politische System in seiner Heimat Belgien. Dort wurde 2010 der Weltrekord aufgestellt, dass sich die Parteien und rivalisierenden Gruppen so sehr ineinander verhakten, dass das von Milo Rau ebenfalls schon mehrfach untersuchte Land ohne Regierung auskommen musste.

Außerdem wird an diesem Abend ein weiterer Antrieb deutlich: van Reybrouck ist fasziniert vom Konzept der deliberativen Demokratie im Sinne von Jürgen Habermas. Er träumt davon, das weiterzuentwickeln, was bei einem Modellversuch in Irland erstaunlich gut klappte. Dort beriet eine Kommission über Reform-Vorschläge zur Verfasung. Das Gremium setzte sich zu 1/3 aus Berufspolitikern und zu 2/3 aus zugelosten Bürgern zusammen, die jedoch frei entscheiden konnten, ob sie das Mandat annehmen und in der Kommission mitarbeiten möchten.

In stundenlangen Sitzungen wurden dort Fachleute gehört und Argumente abgewogen, bis man zu zum Teil überraschenden Ergebnissen kam. Eine Mehrheit dieses Gremiums sprach sich im tiefkatholischen Irland dafür aus, die Ehe für homosexuelle Paare zu öffnen. Diese Empfehlung bekam kurz darauf auch in einem Referendum eine Mehrheit.

Weitere Informationen und Termine zu Milo Raus „Empire“ an der Schaubühne

Weitere Informationen zum Buch „Gegen Wahlen“ (Wallstein)

Bilder: Marc Stephan

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