Marat/Sade

„Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ – oder der Einfachheit halber kurz „Marat/Sade“ – war eines der meistgespielten Stücke der 1960er und 1970er Jahre.

Nach der Uraufführung am West-Berliner Schillertheater im April 1964 wurde das Ideen-Drama von Peter Weiss im darauffolgenden Jahrzehnt fast hundertmal von Rostock bis Stockholm, von London bis Buenos Aires, Tokio und Sydney, von Castrop-Rauxel bis Kingston/Jamaika nachgespielt, recherchierte die Literaturwissenschaftlerin Christine Frisch. 1966 bekam „Marat/Sade“ in den USA einen „Tony Award“ als bestes internationales Stück, Peter Brook verfilmte es 1967.

Seitdem wurde es recht still um „Marat/Sade“, in den Archiven findet man aus der jüngeren Vergangenheit beispielsweise eine Dresdner Inszenierung von Friederike Heller und eine Ko-Produktion mit der HfS Ernst Busch von Peter Kleinert im Studio der Schaubühne. Beide Arbeiten sind aber auch schon 5 Jahre alt.

Mit den Studentinnen und Studenten der Ernst Busch-Schule arbeitet auch Stefan Pucher in seiner Neu-Inszenierung auf der großen Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Sie sind als Pegida-artiger Chor, als nach einem „Chef“ und einem wahren Anführer rufende Volksmasse ein Eckpfeiler des Spektakels, das er uns präsentiert. In schwarzen Anzügen, mit Wischmopp-artigen Einheits-Perücken und verschmiertem Lippenstift hat der Schauspiel-Nachwuchs seine Auftritte in einem bunten Allerlei, durch das Anita Vulesica als charmante Conférencière (in der Rolle des Ausrufers und Anstaltsdirektors Coulmier) führt.

Wie von Pucher zu erwarten, bekommen wir auch bei „Marat/Sade“ ein Rundum-Sorglos-Paket, das alle Sinne anspricht: Live-Musik von Chikara Aoshima und Michael Mühlhaus, Video-Einspieler von Meika Dresenkamp und opulente Kostüme von Annabelle Witt. Das Versprechen, das in großen Lettern an der Bühne prangt, wird auf jeden Fall eingelöst:  „Illusionen“ – „Sensationen“.

Ein besonderer Clou der Inszenierung ist, dass bis auf den Chor alle Schauspieler des DT-Ensembles kleine Puppen vor den Bauch geschnallt bekommen. Während Daniel Hoevels als Jean Paul Marat in der Wanne liegt, baumeln die Beinchen der Puppe über den Rand. Auch sonst entstehen durch die von Jochen Menzel einstudierten Puppen-Bewegungen lustige Verfremdungseffekte, die an die französische Grand Guignol-Tradition oder einfach nur an das gute, alte Kasperletheater erinnern.

Bis Charlotte Corday (Katrin Wichmann) ihr Messer zückt und auf den Revolutionär in seiner Wanne einsticht, erlebt das Publikum einen unterhaltsam abgespulten Theaterabend, der trotz einiger Texthänger – z.B. ausgerechnet in Felix Goesers Schluss-Monolog als Marquis de Sade – recht reibungslos funktioniert.

Es bleibt allerdings die Frage, was Stefan Pucher und seinen Dramaturgen John von Düffel an dem „Marat/Sade“-Stoff interessiert hat. Peter Weiss zu seinem 100. Geburtstag (8. November 1916) zu würdigen, ist aller Ehren wert und wurde auch Ende September/Anfang Oktober mit einem „Ästhetik des Widerstand“-Festival im HAU gefeiert.

In der munteren Komödie, die Pucher auf die Bühne bringt, kommt der zentrale Antagonismus, um den es Weiss ging, zwischen dem radikalen Individualisten de Sade und dem vom revolutionären Kollektiv träumenden Marat etwas zu kurz. Die im Programmheft aufgeworfenen, interessanten Fragen lässt der Theaterabend unbeantwortet.

Dennoch erntete das gesamte Team freundlichen Premieren-Applaus.

„Marat/Sade“ hatte am 27. November 2016 im Deutschen Theater Berlin Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bild: Arno Declair

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