Around the World in 14 films Teil III

Nach den ersten beiden großen Etappen der cineastischen Weltreise (hier und hier) hatte zur Halbzeit des Festivals ein Altmeister des Weltkinos das Wort: Otar Iosselliani.

„Winter Song“: Hommage an Otar Iosseliani

Der vielfach preisgekrönte Regisseur (zuletzt 2002 mit einem Silbernen Berlinale-Bären für „Montag Morgen“) wurde vom „Around the world in 14 films“-Festival mit einer Hommage geehrt. Nach einer kurzen Einführung durch Sven Taddicken, der 2008 mit der hübsch-anarchischen Kreuzberg-Komödie „1. Mai – Helden bei der Arbeit“ (mit Jacob Matschenz und Ludwig Trepte im Epizentrum des Krawalltourismus) griff der Meister selbst zum Mikrophon.

Ioselliani führte 20 Minuten lang wortreich Klage über den Verfall der Kino-Kultur, wetterte gegen den Hollywood-Geschmack, trauerte über die technischen Schwierigkeiten, das Filmkunst-Erbe zu bewahren und urteilte ziemlich ungerecht darüber, dass heute kein Regisseur mehr an Jean Vigo, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder Federico Fellini heranreiche.

Anschließend wurde sein Alterswerk „Winter Song“ gezeigt, das in seiner Wahlheimat Paris spielt und mit vom Surrealismus inspiriertem skurrilem Humor durch die Zeiten springt: Von der Guillotine der Französischen Revolution über Plünderungen und Vergewaltigungen in Kriegswirren geht es bis hin zu Taschendiebstählen von Straßen-Gangs und Antänzern, bevor der Film in modernen Mietshäusern und Straßencafés landet.

Eine Handlung im klassischen Sinn wird man vergeblich suchen, was den Film, der wie aus vergangenen Jahrzehnten zu uns herüber zu ragen scheint, schwer zugänglich macht. Dementsprechend ist derzeit kein Kinostart in Sicht.

„A Flag without a Country“: Kurdistan/Nordirak

Regisseur Bahman Ghobadi und sein Hauptdarsteller Narimar Anwar mussten wegen Green Card- und Visa-Problemen leider kurzfristig absagen, aber ihre Filmpatin Soleen Yusef, die vor kurzem mit dem „First Steps Award“ ausgezeichnet wurde und mit ihrer Familie als Kind aus dem Kurdengebiet im Nordirak nach Deutschland floh, gab sich alle Mühe, sie würdig und kenntnisreich zu vertreten.

Ghobadi ist dafür bekannt, dass er in bedrückenden Bildern vom Leid der kurdischen Minderheit erzählt, die auf die Staatsgebiete der Türkei, des Nordiraks und Syriens verteilt ist. Besonders beeindruckend gelang ihm das in „Schildkröten können fliegen“, der 2005 mit dem Friedensfilmpreis der Berlinale ausgezeichnet wurde.

In seinem neuen Film „A flag without a Country“ ist ihm das nicht ganz so gut gelungen, was vor allem an seiner kurvenreichen Entstehungsgeschichte liegen könnte. Ursprünglich wollte er in dokumentarischen Porträts von jungen, modernen Kurden aus Erbil erzählen, die im Autonomiegebiet im Nordirak ihre Träume verwirklichen. Hierfür wählte er das Pop-Sternchen Helly Luv und den Piloten Narimar Anwar aus.

Im Lauf der Dreharbeiten verdüsterte sich die Weltlage. Daesh/IS tauchte als neue Bedrohung auf. So entstand ein Hybrid aus Doku-Material, Fiktion und Rückblenden in die Kindheit, unterlegt mit viel kurdischem Patriotismus und kämpferischen Parolen.

Auch für diesen Film ist noch kein Kinostart geplant.

„Der traumhafte Weg“ (Deutschland)

Spröde und minimalistisch ist Angela Schanelecs „Der traumhafte Weg“. Die Besetzung ist mit Maren Eggert (Deutsches Theater Berlin) und Thorbjörn Björnsson (der in Berlin schon in mehreren Musik-Theater-Inszenierungen an der Schaubühne und der Volksbühne, z.B. im „Schottenstück“ zu erleben war, sehr vielversprechend.

Der sperrige Film verzichtet weitgehend auf Dialoge und treibt den Stil der „Berliner Schule“, anders als Jan Krügers wesentlich zugänglicherer Film „Geschwister“, der vor kurzem in die Kinos kam, auf die Spitze. Beatrice Behn beschrieb Schanelecs Arbeit nach der Weltpremiere in Locarno im August 2016 auf kino-zeit.de präzise: „Verlangsamung des Gesamttempos, das Zeigen alltäglicher Erfahrungen und Momente, die aber mehr angespielt, als ausformuliert werden, perfekt kadrierte Bilder mit relativ wenigen Schnitten und ProtagonistInnen, die nur wenig Emotionen oder Interaktion mit ihrer Umwelt aufweisen. Kurzum: stilisierter Realismus.“

Dies führt fast zwangsläufig zu dem Problem, dass „Der traumhafte Weg“ einen großen Teil des Publikums frustriert und ratlos zurücklässt.

Der Film startet am im Frühjahr 2017 in den deutschen Kinos (Piffl Medien).

Bild: Miriam Jakob in der Rolle der Theres in „Der traumhafte Weg“ © filmgalerie 451

„The Woman who left“ (Philippinen)

Lav Diaz, einer der radikalsten Filmemacher des Weltkinos und der aktuelle Liebling der internationalen Festival-Szene, war leider nicht persönlich anwesend. Franz Müller („Revolver“) präsentierte das jüngste Werk des Regisseurs von den Philippinen, das in Venedig im September 2016 den Goldenen Löwen gewann und mit etwas weniger als 4 Stunden für die Verhältnisse von Diaz ungewöhnlich kurz ist. Sein vorletzter Film Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery)“ dauerte noch acht Stunden und brachte ihm einen Silbernen Bären auf der Berlinale 2016.

Dem Film liegt eine Erzählung von Leo Tolstoi zugrunde: „Gott sieht die Wahrheit, aber er wartet“ (1872). Diaz hat den Stoff in das Jahr 1997 übertragen. Am 1. Juli, als Hongkong von den Briten an China übergeben wurde, kommt Horacia nah 30 Jahren aus dem Gefängnis frei. Neue Beweise sind aufgetaucht, die belegen, dass sie zu Unrecht wegen eines Mordes, den sie nie begangen hat, einsaß, und einer Intrige ihres reichen Ex-Liebhabers Rodrigo zum Opfer fiel.

Die Grundkonstellation des Films ist relativ einfach: Horacia macht sich auf die Suche nach ihrem Ex und sinnt auf Rache. Dabei begegnet sie zahlreichen Ausgestoßenen und Verlierern: einer Obdachlosen mit panischer Angst vor Dämonen, einem zusammengeschlagenen transsexuellen Revue-Tänzer und Prostituierten, den sie pflegt, oder einem buckligen Eierverkäufer. Während sich Horacia für all die Mühseligen und Beladenen einsetzt, tritt ihr Racheplan vorübergehend immer wieder in den Hintergrund.

In epischer Breite und am Goldenen Schnitt orientierten Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Diaz nicht nur seine Geschichte von Schuld, Rache und Vergebung, sondern zeichnet Diaz ein Bild der Gesellschaft auf den Philippinen: er erzählt von der Spaltung zwischen Arm und Reich, im Hintergrund laufen Radio-Berichte von Entführungen und Gewalt.

Die Süddeutsche Zeitung betonte schon bei der Verleihung des Goldenen Löwen an „The Woman who left“, dass der Film „kommerziell wenig Chancen hat“. Ein Kinostart ist bisher nicht vorgesehen.

Es ist das Besondere an dem Festival „Around the World in 14 films“, dass es auch solche Werke auf die Leinwand bringt, die sonst nur bei weiten Reisen auf internationale Festivals oder auf DVD zugänglich wären.

Webseite zum „Around the World in 14 films“-Festival

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