Stören

Sechs wütende junge Frauen am Gorki: das Setting erinnert an die wütend aufstampfenden Twentysomethings in Sibylle Bergs „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, einem Highlight im Repertoire des Hauses.

Tatsächlich hat eine der Schauspielerinnen des Berg-Abends bei der neuen Stückentwicklung „Stören“ Regie geführt: Suna Gürler erarbeitete den knapp 80minütigen Abend mit taffen, nicht-professionellen Frauen zwischen 18 und 24.

Ausgangspunkt sind die Alltagserfahrungen von Sexismus und sexuellen Übergriffen. Jede der Spielerinnen kann von schmierig-zotigen Anmachen oder der Angst davor, nachts alleine von der Party nach Hause zu gehen, berichten. Die Stichworte „Köln“ und „Silvester-Nacht“ schweben im Raum, werden aber – im Gegensatz zum Einführungstext auf der Webseite – im Stück nur ganz kurz explizit angesprochen. Dieses Eisen scheint immer noch zu heiß, um es an einem Theaterabend bearbeiten zu können.

Mit schwungvollen Choreographien und plastischen Schilderungen ihrer Erlebnisse umkreisen die Spielerinnen ihr Thema. Der Abend ist mit viel Leidenschaft einstudiert, hat aber auch einige Mängel. Das Sextett richtet es sich etwas zu gemütlich in einer „Gut-Böse“-Dichotomie ein, die sich vom Publikum unterhaltsam konsumieren und zu einfach „abnicken“ lässt, wie auch Georg Kasch in der Berliner Morgenpost und Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung kritisierten.

Das „Feindbild Mann“ wird lustvoll und sehr unterkomplex gepflegt. Die feministischen Schwarz-Weiß-Bilder durchbricht nur Transgender Chantal Süss. Ihre Pubertätserfahrungen, dass sie in keines der beiden Geschlechter-Rollenmuster passt, lässt sie von ihren Mitspielerinnen vorlesen: einer der nachdenklichen, ruhigeren Momente an diesem Abend.

Gegen Ende wiederholen die Spielerinnen mehrfach den Appell, dass sie „größer denken“ müssen. Sie tasten sich an grundlegende Probleme struktureller Gewalt heran und reflektieren darüber, was man konkret tun sollte.

Der Abend endet mit einer Reihe offener Fragen genau an der Stelle, wo es erst richtig spannend wird.

„Stören“ wurde am 19. Oktober 2016 im Rahmen des „Uniting Backgrounds“-Festivals am Gorki uraufgeführt. Weitere Informationen und Termine

Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen der Jugend eingeladen, das vom 2. bis 10. Juni im Haus der Berliner Festspiele stattfindet.

Bild: Esra Rotthoff

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