Professor Bernhardi

„2 Stunden 45 Minuten ohne Pause? Da haben sie aber ordentlich gekürzt. Normalerweise dauert das mindestens vier Stunden“, schallt es in breitem Wienerisch, an dem Arthur Schnitzler seine helle Freude gehabt hätte, vor der Premiere durchs Foyer der Schaubühne am Lehniner Platz.

Der regieführende Intendant Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer haben Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ so weit filettiert, dass er sich von einem zeitgenössischen Publikum gut konsumieren lässt.

Was hat das Schaubühnen-Team daran gereizt, diesen etwas angestaubten Text aus der untergehenden k.u.k.-Monarchie wieder auszugraben?, fragte man sich vor der Premiere. Schnitzlers Drama fiel damals in Österreich der Zensur zum Opfer, da die Kritik am Wiener Bürgermeister und an damaligen politischen Zuständen zu deutlich herauszulesen war. Die Uraufführung wurde deshalb 1912 nach Berlin verlegt. In den vergangenen Jahren ist das Stück aber weitgehend von den Spielplänen verschunden.

Es dürfte vor allem der Antisemitismus sein, der Ostermeier und sein Ensemble interessierte. Im Zentrum des Stückes steht der jüdische Direktor einer Privat-Klinik (gespielt von Jörg Hartmann), der einem katholischen Priester (Laurenz Laufenberg) den Zutritt zum Bett einer Todkranken verweigert.

Bernhardis Gründe sind durchaus ehrenwert: die gesamte Belegschaft weiß, was der Dauer-Hospitant Hochroitzpointner (Moritz Gottwald in einer seiner kauzigen Rollen) herausposaunt: „Die Sepsis macht´s nicht mehr lange.“ Bernhardi hat der Patientin einige Mittel verabreicht, so dass die Frau, die wir nur bei Videoeinspielern erleben, in ihrem euphorischen Delirium davon ausgeht, dass sie wieder gesund ist und gleich abgeholt wird. Der mitfühlende Arzt befürchtet, dass die Patientin furchtbar erschrecken würde, wenn plötzlich der Pfarrer zum Sterbesakrament eintreffen würde: Statt friedlich einzuschlafen würde sie eine schmerzhafte letzte Stunde durchleiden.

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Bernhardi, der mehrfach betont, dass er einfach nur ein „anständiger Mann“ sein, sich von der Politik fernhalten und und auf keinen Fall „ein Held“ sein möchte, gerät ins Fadenkreuz einer Intrige. Sein stellvertretender Direktor Dr. Ebenwald (Sebastian Schwarz) wartete nur darauf, etwas gegen ihn in der Hand zu haben. Gemeinsam mit seinem Vetter, einem Parlamentsabgeordneten einer hier als „rechtspopulistisch“ bezeichneten Partei, zieht er die Fäden, so dass Bernhardi zunächst zum Rücktritt gedrängt und auch noch zu einer Haftstrafe verurteilt wird.

Der Antisemitismus ist in diesem Fall Bernhardi das unappetitliche Schmiermittel, mit dem Bernhardis Gegner ihre Intrige gegen den politisch zu bedarften Arzt vorantreiben. Gezielt schüren seine ölig-karrieristischen Gegner um Dr. Ebenwald und Professor Flint (Hans-Jochen Wagner) die bekannten, schwelenden Ressentiments gegen das Judentum, geschickt rufen sie zur Verteidigung christlich-abendländischer Werte auf, obwohl es ihnen sichtlich zu allererst um ihre persönlichen Interessen in diesem Ränkespiel geht.

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Jörg Hartmann spielt die Titelfigur Professor Bernhardi bei seiner Rückkehr an die Schaubühne – hier war er von 1999 bis 2009 Ensemble-Mitglied – als Gegenentwurf zu seinen Auftritten als „Faber“ im Dortmunder „Tatort“: während er im Sonntagabend-Krimi als rüpelhaft-prolliger Neurotiker nervt, durfte er am Samstag an der Schaubühne einen klug formulierenden, kühl abwägenden, vorsichtig argumentierenden Arzt spielen. Eine interessante Besetzung gegen den Strich und das TV-Klischee!

Mit diesem Bernhardi nimmt es trotzdem kein gutes Ende: die politische Stimmung dreht sich, die Liberalen wollen ihn als Symbolfigur für ihre politischen Ideen instrumentalisieren. Er wird als Spielball der Interessen hin und hergeschoben und bekommt am Ende von Ministerialrat Dr. Winkler (Christoph Gawenda in einer kleinen, aber eindrucksvollen Rolle) an den Kopf geworfen, dass er ein „Rindvieh“ sei. Bernhardi starrt einsam und ratlos vor der sterilen, weißen Klinikwand, die Jan Pappelbaum auf die Bühne stellte, ins Publikum.

Der kurvenreiche Schluss ist schon bei Schnitzler der schwächste Part und fällt auch bei Ostermeier ab. Bis dahin erlebt das Publikum ein gut gemachtes Konversationsdrama, das an die Redeschlachten des französischen Kinos erinnert, das zum Nachdenken über das Wesen politischer Intrigen anregt und zugleich gut unterhält.

„Professor Bernhardi“ hatte am 17. Dezember 2016 an der Schaubühne Premiere. Trailer, weitere Informationen und Termine

Bilder: Arno Declair

 

 

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