Krankheit der Jugend

Bürgerlich zu werden oder Selbstmord zu begehen – zwischen diesen Alternativen schwanken die Figuren in „Krankheit der Jugend“.

Bürgertum oder Suizid – diese beiden Scheinalternativen muten aus heutiger Sicht sehr befremdlich an. Die Generation  der Digital Natives ist davon geprägt, dass ihr so viele Optionen und Lebensmodelle offen stehen wie kaum einer ihrer Vorgänger.

Theodor Tagger, damals Direktor des Berliner Renaissance-Theaters, traf jedoch einen Nerv seiner Zeit, als er unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner im Jahr 1926 von den Gefühls-Verwirrungen der Jugend zwischen den beiden Weltkriegen erzählte.

Am zeitgenössischsten wirkt die Figur des Freder: ein Langzeitstudent, der seine Mitmenschen um den Finger wickelt. Er wechselt ständig seine Sexpartnerinnen und manipuliert das etwas naive Zimmermädchen Lucy (eindrucksvoll-verträumt: Karla Sengteller), bis sie für ihn auf den Strich geht.

Es ist ein Höhepunkt dieser Inszenierung, wie sich Sven Scheeles Freder breitbeinig auf dem Sofa fläzt, sich den Raum nimmt und die weniger selbstbewussten Figuren, die noch nach ihrem Platz im Leben suchen, vorführt. Claus Peymann bewies mit dieser Neuverpflichtung für das Berliner Ensemble, dass er einen wachen Blick für vielversprechende Talente hat.

Ein zweites Kraftzentrum von Catharina Mays „Krankheit der Jugend“-Inszenierung im Pavillon des Berliner Ensembles ist Celina Rongen als Medizinstudentin Marie. Ihr Leben gerät völlig aus der Bahn: erst spannt ihr die Kommilitonin Irene (Marina Senckel) den Mann aus und angelt sich den zappelig-linkischen Möchtegern-Dichter Herrn „Bubi“ Petrell (Felix Strobel), dann scheitert auch noch ihre lesbische, die damaligen Zeitgenossen schockierende Affäre mit ihrer Mitbewohnerin Desiree (Larissa Fuchs).

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Catharina May inszeniert ihre zweite Regie-Arbeit am Berliner Ensemble mit genau gezeichneten Figuren und lässt sich für das Ende eine dritte Variante statt der beiden von Bruckner alias Tagger überlieferten Fassungen einfallen. Das Publikum ist diesmal nicht so hautnah am Geschehen wie bei Mays Debüt, als sie Fassbinders Giftmord-Serie „Bremer Freiheit“ auf einem engen Steg mitten im Publikum platzierte. Hinzu kommt, dass der Stoff, den sie sich desmal aussuchte, aus heutiger Sicht etwas angestaubt und fremd wirkt. Deshalb hinterlässt „Krankheit der Jugend“ keinen so starken Eindruck wie ihr Erstlingswerk „Bremer Freiheit“ vom Mai 2016.

„Krankheit der Jugend“ hatte am 5. Januar 2017 im Pavillon des Berliner Ensembles Premiere. Weitere Informationen und Termine

Bilder: © Monika Rittershaus

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