Manchester by the Sea

Mit 54 Jahren bringt der US-amerikanische Independent-Regisseur Kenneth Lonergan erst seinen dritten Film in die Kinos. Nach seinem Drehbuch für die hübsche Komödie „Reine Nervensache“ (1999) mit Robert de Niro als Mafia-Killer in therapeutischer Behandlung schienen ihm in Hollywood viele Türen offen zu stehen. Sein Regie-Debüt „You can count on me“ (2000) brachte ihm gleich Oscar-Nominierungen und mehrere Preise ein.

Danach geriet seine Karriere ins Stocken, die Dreharbeiten zu seinem zweiten Film „Margaret“ mündeten in einen jahrelangen  Rechtsstreit, berichtet „Die Presse“ aus Wien: „Lonergans Schnittfassung dauerte über drei Stunden, dem zuständigen Fox-Studio war das zu lang. Es folgte ein zermürbendes Feilschen und Austarieren, das keine wirklichen Früchte trug. 2005 war der Film abgedreht, ins Kino kam er erst sechs Jahre später – in einer verstümmelten Fassung und nur für kurze Zeit.“

Dass hier ein Regisseur akribisch an Details feilt und Gründlichkeit vor Schnelligkeit stellt, ist auch seinem dritten Film deutlich anzumerken.  Langsamkeit prägt auch den Stil seines in den USA gefeierten Familiendramas „Manchester by the Sea“. Es ist ein krasser Gegenpol zu den Action- und Fantasy-Blockbuster-Spektakeln, mit denen die Hollywood-Studios die Multiplex-Kinos überschwemmen.

Das Erzähltempo ist aber auch am Durchschnitt des Autorenkinos gemessen immer noch sehr gemächlich. Die Exposition ist zäh. Lonergan nimmt sich alle Zeit, seinen Hauptdarsteller Casey Affleck beim Reinigen verstopfter WC-Rohre, einsam an der Bar bei scheiternden Flirtversuchen oder auf tristen Krankenhausfluren zu zeigen.

Der Hausmeister Lee Chandler, der nach einem Schicksalsschlag mit waidwundem Dackelblick durch sein Leben schleicht, steht im Zentrum dieses trauerumflorten Films, der mit elegischen Klängen, vorzugsweise von Händel, unterlegt ist.

Mit einer Überlänge von 137 Minuten plätschert dieser Film über weite Strecken dahin. Mit kurzen Rückblenden und Zeitsprüngen sowie durch die erfrischende pubertäre Ruppigkeit des Neffen Patrick (Lucas Hedges) nimmt das Trauerspiel um eine Familie voller verwundeter Seelen etwas mehr Fahrt auf.

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Eine Überdosis Sentimentalität wird dem Film verpasst, als Lee Chandler (Casey Affleck) auf seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams) trifft.

Dass der Film in den USA dennoch so einschlug, dürfte wohl vor allem an zwei Faktoren liegen: zum einen an der schauspielerischen Leistung von Casey Affleck, der mit diesem Film aus dem Schatten seines großen Bruders Ben heraustritt und diese undankbare Rolle recht überzeugend ausfüllt. „Der Film macht sich das gesamte Repertoire der präzise ausagierten Schlurfigkeit zunutze, die man von Casey Afflecks früheren Rollen kennt: verzögerte, leicht abrupte Körperdrehungen, sein schleppendes Sprechen, eine Gepresstheit, die mürrisch, linkisch und verschlagen, aber auch aggressiv wirken kann“, lobte der Tagesspiegel. Dies brachte ihm im Januar 2017 bereits einen Golden Globe als bester männlicher Hauptdarsteller ein und ließ ihn zu einem heißen Oscar-Favoriten reifen.

Zum anderen könnte die Begeisterung für „Manchester by the Sea“ auch daran liegen, dass der Film schlicht ein Vakuum in Hollywood ausfüllt. „Die Traumfabrik hat keinen Mittelbau mehr: Zwischen Großproduktionen für Weltpublikum und Low-Budget-Konzeptfilmen bleibt nur wenig Platz für unaufdringliches Schauspielerkino ohne Marketingaufhänger“, analysierte Andrey Arnold. Ein „gut geschriebenes, gut gespieltes und emotional erwachsenes Figurenporträt“ ist selten geworden.

Auffällig ist, dass die Kritiken zum Kinostart in Deutschland meist wesentlich verhaltener als in den USA blieben. Wie Die ZEIT treffend schrieb: Die Tristesse in „Manchester by the Sea“ ist “ ausgezeichnet gespielt, doch irgendwann erschöpft sich die Kleinstadtwelt auch.“

„Manchester by the Sea“ startete am 19. Januar 2017 in den deutschen Kinos. Webseite und Trailer

Update vom 27. Februar 2017: „Manchester by the Sea“ bekam zwei Oscars: Casesy Affleck als bester Hauptdarsteller und Kenneth Lonergan für das Drehbuch

Bilder: Universal Pictures

 

 

 

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